Vielen ist Datenschutz anscheinend egal. Scheinbar gleicht ihr Leben einem offenen Tagebuch, in dem sie intime Details und peinliche Geheimnisse preisgeben, ganz im Sinne des Post-Privacy-Mottos, man solle nicht löschen und vergessen, sondern verzeihen. Doch vieles, was man im Internet mit Freunde und Fremden teilt, ist von der Wahrheit weit entfernt. Digitale Lügen und geschönte Wunschbilder dominieren die Daten der Massen. Unerwünschte Ansichten werden verschwiegen oder nur mit denen geteilt, die ohnehin die gleiche Meinung haben. „Auch im Netz regiert die Schweigespirale,“ berichtete die FAZ.
Mehrere künstlerische Projekte beschäftigen sich mit diesen Phänomenen. Als „Fakebook“ produzierte die niederländische Künstlerin Zilla van den Born ihren glaubhaften, aber erfundenen Bericht über eine vermeintliche Asienreise. Die manipulierten Fotomontagen und Chat-Kulissen täuschten sogar Freunde und Eltern. Mit ihrem „Fakebooking“ kritisiert Zilla die Leichtgläubigkeit, mit der wir oftmals Opfer geschönter Bilder und Werbebotschaften werden.
Während es an politischer Transparenz oft mangelt, ist modische Transparenz überall zu sehen. Das Kunstprojekt Intimacy 2.0 von Daan Roosegaarde spielte mit Selbstdarstellung und Voyeurismus und zeigte Stoffe die bei Erregung durchsichtig wurden.
Freiwillige Transparenz oder Ungewollte Entblößung?
Ungewollte Transparenz thematisieren Xuedi Chen und Pedro Oliveira. Mit ihrem Data Striptease x.pose wollen sie unsere unbewusste Dauerentblößung bewusst machen, indem sie sie „aus der vermeintlich unkonkreten virtuellen Welt“ in die materielle Realität übertragen. Das Kunstwerk ist ein interaktives Kleid, dessen Elemente die Stadtviertel von New York repräsentieren. Die einzelnen Elemente werden transparent, wenn die Künstlerin den entsprechenden Stadtteil besucht.
Behauptungen über Transparenz und offene Daten rechtfertigen nicht zwangsläufig die Offenlegung privater Informationen oder die Nutzung persönlicher Daten für kommerzielle, autoritäre oder andere Zwecke.
Bedenken hinsichtlich einer Gesellschaft, in der von Individuen erwartet wird, Gefühle, nackte Haut und umfangreiche persönliche Informationen zu teilen, wurden bereits in der Literatur thematisiert. Ein Beispiel dafür ist Dave Eggers, der dieses Motiv in seinem dystopischen Roman The Circle behandelt. Der Roman beschreibt eine Kultur, die radikale Transparenz fördert, während sie gleichzeitig deren Risiken relativiert oder herunterspielt.
Vergleichbare kritische Perspektiven lassen sich auch in früheren dystopischen und allegorischen Werken finden, etwa in Animal Farm von George Orwell.
Kritische Kunst und ihre Ambivalenz
Kritische Kunst der Zehnerjahre macht nicht nur den Verlust von Privatsphäre sichtbar, sondern hinterfragt auch den Wunsch nach Sichtbarkeit selbst. Zwischen Selbstdarstellung und Kontrolle, Emanzipation und Ausbeutung entsteht ein ambivalenter Raum, in dem Transparenz gleichzeitig Befreiung, Manipulation und Entblößung bedeuten kann. Werke wie x.pose zeigen daher nicht einfach eine dystopische Zukunft, sondern spiegeln eine Gegenwart, in der Menschen aktiv an den Systemen teilnehmen, die ihre Daten sammeln und verwerten.
Was an künstlerisch transparenter Mode fasziniert, ist nicht die vermeintliche Provokation durch Nacktheit, sondern die freiwillige Verletzlichkeit beim Spiel mit kaum kontrollierbaren körperlichen Reaktionen. Das gilt auch für zeitgenössische Kurzfilme mit künstlerisch erotischen Inhalten wie „Undress me“, „Kissing strangers“, oder „Hysterical Literature“.
Vielleicht gehen Innovation und Kritik aber nicht weit genug. Hysterical Literature stellt die Darstellerin allein in den Mittelpunkt und Ästhetik über Erotik, dennoch schauen Menschen hier in der Filmreihe jeweils einer attraktiven Frau dabei zu, die einem Publikum aus einem Buch vorliest und dabei versucht, eine unter dem Tisch verborgene sexuelle Stimulation zu ignorieren, der sie schließlich geradezu theatralisch erliegt.
Ob echt oder gespielt, viele Zuschauer empfanden das Betrachten der Szene als höchst erregend. Was eigentlich unehrlich ist, ist so zu tun, als würde man es nur der Kunst wegen ansehen.
Authentische Fiktion ist manchmal ehrlicher als Fakten, denn auch Tatsachen können zu falschen Schlüssen verleiten. Offensichtliche Täuschung, die niemandem schadet, kann auf gefährliche Manipulation aufmerksam machen. Zwischen Wahrheit, verletztem Vertrauen und Leichtgläubigkeit suchten Künstlerinnen und Künstler Antworten auf die Frage nach der Wahrheit in Zeiten digitaler Bilder und virtueller Welten, lange bevor Fake News zum Thema wurde.
Staycation Fakation
Eine Feuilletonredakteurin stellte einst eine echte Reise online schöner dar als sie war. Nicht nur sie, aber sie voller Ironie. Sie hat ein einziges mal im Restaurant diniert und die Teller aller Mitreisenden fotografiert. Dann hat sie jeden Tag einen davon als ihren eigenen bei Instagram veröffentlicht. Ebenso die Gemälde im Museumsfoyer, die sich auch ohne Eintrittskarte fotografieren ließen.
In Zeiten beruflicher Videoschalten wurde es später möglich und normal, digital den Bildhintergrund zu tauschen und zu suggerieren, man sei im Büro, im Urlaub oder irgendwo anders als im unaufgeräumten Homeoffice.
Immerhin schließt der letzte Fall den Kreis zum ersten, zu Zilla und ihrer Fakation, wie ich sie hier nennen möchte.


