Was ist der Unterschied zwischen Brille und Hörgerät? Bei Brillenträgern denkt niemand, es könnte um ein digitales Gerät handeln mit dem man in eine Virtuelly Realität eintaucht. Weile meine Hörgeräte nicht altmodisch aussehen, werde ich oft gefragt, ob ich einen Podcast höre. Sie finden es normal, wenn jemand in der Öffentlichkeit Kopfhörer trägt, und Hörgeräte als modisches Accessoire sind ihnen noch nie aufgefallen.

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Hörgeräte sind „nicht cool“? Aber sind sie doch!

Als ich erst als Erwachsener erstmals eine Brille bekam, fragte ich mich warum ich das nicht schon viel früher in getan habe. All die weit entfernten Details und die Leichtigkeit, Fahrzeuge und Spuren im Rückspiegel zu erkennen erleichterten meinen Alltag, abgesehen von der Gewöhnung ans Aufsetzen und Plegen der Brille. Manchmal nehme ich sie noch erleichtert am Abend von der Nase, aber ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie falsch sich meine neue Perspektive anfühlte, als ich beim ersten Anprobieren die Treppe im Optikerladen herunterstolperte. Meine Hörgerätegeschichte begann ganz ähnlich und ich frage mich, welche anderen nützlichen Verbesserungen mir vielleicht immer noch entgehen?

Zugegeben gestaltete sich der Einstieg mit Hörgeräten schon schwieriger als ein Brillenkauf. Von Vorurteilen abgesehen, scheinen Markt und Marketing Jahrzehnte hinter der Brillenmode zurückzuliegen! Ich weiß noch, wie in den Neunzigern viele dachte, Kontaktlinsen würden sehr bald alle Brillen überflüssig machen. Das Gegenteil war der Fall. Brillen wurden so modisch, dass viele sie sogar mit Fensterglas als modisches Accessoire tragen. Brillen waren „cool“.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer Großstadt lebe, jedenfalls sehe ich persönlich keinen Mangel an coolen derartigen Hilfsmitteln, aber es mangelt ihnen an Marketing und Aufmerksamkeit. Man muss sich wirklich bemühen gute Hörgeräte zu finden die passen und cool aussehen. Außerdem muss man für Designermode und Zusatzfunktionen extra draufzahlen, aber das ist bei Brillen ja auch so. Wenn du in einer Kleinstadt wohnst, schau dich vorher online um, was es alles gibt bevor du zum Akustiker gehst, und bestehe drauf dass sie eine eventuell großväterliche Produktauswahl um Neues erweitern (außer wenn du es  großväterlich magst). Mehrere Werbekampagnen für Hörgeräte haben Designpreise gewonnen. Sie zeigen unter anderem coole Menschen die in der Disco tanzen, und das ist ein Stück Wirklichkeit, dass ich öfter in den Medien sehen möchte! Dank meiner Hörgeräte nehme ich wieder mehr Vogelstimmen und Musik schon aus der Ferne wahr, und sie schützen mein Gehör wenn ich laute Livemusik höre, denn sie dämpfen den Schall und verstärken nur das nötige bis zu einer Obergrenze die meinem Empfinden entspricht.

Adaptive Fashion und barrierefreie Accessoires

artistic drawstring design detail on adaptive fashion
drawstrings detail

Schon 2025 beim VORN Fashion’s Design Academy ADAPT Showcase mit Accessible und Adaptive Fashion bei der Berlin Fashion Week, habe ich gelernt, dass Adaptive Fashion schon längst von großen Onlinehändlern gut verkauft wird, und gleiches gilt für meine modischen Hörgeräten. Wir leben in keinem geheimen Paralleluniversum, die Teile sind bloß einfach so gut geworden, dass sie nicht mehr unbedingt auffallen. Mir fallen sie auch erst auf, seit ich selbst betroffen bin, und ich frage mich immer noch, welche von den vielen meist jungen Fahrgästen in der U-Bahn Hörgeräte und welche Kopfhörer tragen.

Adaptive clothing ist ein Oberbegriff für funktionale Mode die sich den Bedürfnissen der Menschen konsequenter anpasst als das, was viele in der Modebranche immer noch unter Diversität missverstehen (ein curvy Model und eine dunkelhäutige einladen, damit nicht alle Models genau gleich aussehen). Zu Adaptive Fashion zählen Trenchcoats verstellbarer Länge, Hosen mit abnehmbaren Beinen und Schnitte mit zusätzlichen Reissverschlüssen, Bändern und Knöpfen durch die das An- und Ausziehen leichter wird. Bei der Show letztes Jahr beeindruckte mich eine gemeinsame Präsentation einer Designerin mit ihrem Model, die einen Designermantel zeigten der gut aussieht und nicht im Weg ist wenn man im Rollstuhl sitzt. Das taten beide, also wusste die Designerin gut bescheid, was potenzielle Kunden brauchen. Von der Anpassbarkeit profitieren auch Kunden die aus anderen Gründen nicht in die klassischen Modenormen passen.

Accessibility Hushing

Ich habe auch gehört und selbst erlebt, dass Menschen zögern, über Situationen zu sprechen, die sie nicht aus eigener Erfahrung kennen. Zwar ist es gut, wenn Menschen nachdenken und zunächst zuhören wollen, aber auch das garantiert nicht, niemals etwas unpassendes zu sagen, aber es besteht die Gefahr, auch dann zu schweigen, wenn wir eigentlich unsere Stimme erheben sollten. Auch wenn du dich selbst nicht behindert fühlst, frag doch beim nächsten Modeshopping mal nach Adaptive Fashion oder such danach in Onlineshops. Übrigens könnte es durchaus sein, dass du selbst zum Kundenkreis gehörst ohne es zu wissen. Meine Schwerhörigkeit und Sehschwäche war mir vor den Tests auch nicht bewusst gewesen.

Molly Watt, eine coole und kreative Influencerin und barrierefreie UX-Expertin, die ich ich schon auf zwei Konferenzen live erleben durfte, stellte meine Begriffe von gehörlos und blind nachhaltig infrage. Das muss schon gewesen sein, bevor diskutiert wurde, ob beide Begriffe nicht grundsätzlich abgeschafft gehören. Einmal zeigte sie ein Bild, wie die Welt in ihren Augen aussieht. „Blind“ sein bedeutet nicht zwangsläufig überhaupt gar nichts zu sehen. Mollys Kunstwerk ähnelt einer Sternennacht oder einer künstlerisch bemalten analogen Kameralinse, in deren unscharfer Mitte deutlich ihr Hund auf einer grünen Wiese zu erkennen ist. Als Britin berichtet sie lustig von unlustigen Situationen, beispielsweise die App zur Steuerung ihrer Hörgeräte, deren Beschriftung sich weder vergrößern noch vorlesen lässt. Auf einem anderen Bild ist ein Text in Braille-Schrift zu sehen, der blinde Leser dazu auffordert, eine rote Signallampe zu beachten.

Accessibility Hushing könnte im positiven Sinne bedeuten, normaler und inklusiver zu kommunizieren und überholte Klischees und Stigmata zu vermeiden. Aber Schweigen über wichtige Dinge verstärkt oft unausgesprochene Vorurteile.

Höre ich geheime Informationen?

smiling face man wearing glasses and hearing aids and a colorful shirt in a party location
Do I look like a secret agent?

Ein weiterer Aspekt von Hilfsmitteln und adaptiver Mode ist eine Art halb scherzhafter Neid auf deren Besitzer, oft gepaart mit einem leichten Gefühl von Scham und Unsicherheit, wenn Umstehende plötzlich bemerken, dass die vermeintlich behinderte Person in Wirklichkeit „fähiger“ sein könnte als sie selbst. Fragen zu meinen Hörgeräten lauten typischerweise:

  • Trägst du gerade Kopfhörer?
  • Hörst du besser als ich?
  • Hörst du geheime Informationen?
  • Nimmst du unser Gespräch auf?
  • Trägst du wirklich keine Kopfhörer?
  • Wo hast du sie her?

Wenn du mich fragst, ob ich geheime Nachrichten empfange oder unser Gespräch aufzeichne, dann solltest du das auch alle anderen fragen, die Kopfhörer oder Smartphones benutzen.

Wo hast du so coole her?

Die letzte Frage, wo ich sie gekauft habe, ist ein gutes Reiseziel auf dem Weg von Ignoranz zu Bestätigung. Wenn wir Hilfsmittel als genauso normale im Leben akzeptieren wie Brillen, Schmuck oder Uhren zu tragen, können wir sie als Teil unserer Kultur annehmen. Kultur die gestaltet und maßgeschneidert sein kann, kein Ausgleich, sondern Entscheidung und Bereicherung.

Übrigens könnte ich tatsächlich „geheime Informationen“ abhören, wenn ich bereit wäre, in Super-High-Tech-Hörgeräte zu investieren. Glaubt man der Werbung, können die inzwischen in Echtzeit Sprachen übersetzen!