Travelling by Train, by Bus, by Foot – Reisen ohne Auto und Flugzeug

Manche sagen, man brauche ein Auto oder müsse fliegen, um die Welt zu sehen. Dem möchte ich widersprechen! Das einzige, was man braucht, ist Zeit.

Ingo Steinke vor einem blauen Eisenbahnwaggon mit dem Logo der  ScotRail (Schottlands Eisenbahn) auf einem sonnigen Bahnsteig in den schottischen Highlands.
Auf einem sonnigen Bahnsteig im schottischen Hochland vor unserem Zug der ScotRail

Das schottische Hochland beflügelt seit Jahrhunderten die Phantasie der Menschen in Europa. Dieser Satz ist fast wörtlich aus meinem Reisebericht über Indien abgeschrieben, passt aber auch gut zu den Vorstellungen über “Highlander” mit denen sich Kinofilme und Tartan-Röcke verkaufen lassen.

In das Reich der Legende gehört auch die Vorstellung, dass sich Schottland am besten zu Pferd oder einem Land Rover erreichen ließe. Inspiration für eine Reise mit der Bahn findet sich schnell, unter anderem bei Mark Smith, “The Man in Seat 61”, ein Reiseblogger älteren Jahrgangs, der aus eigener Erfahrung schreibt: “There’s no need to fly within Europe.”

Inspirierende Lektüre jenseits der alten Klischees fand ich auch im Blog “Watch me see” von Kathi Kamleitner, die auch Herausgeberin des Glasgow Vegan Guide ist.

Mit einigen älteren Reiseführern auf Papier, Tipps von Freunden und Informationen aus dem Internet waren wir ausreichend informiert um eine Reiseroute zu planen und angesichts der Hauptsaison Unterkünfte im Voraus zu buchen. Danach haben wir die Recherche beendet, um offen und neugierig auf die Vorschläge der Gastgeber und Weggefährten zu bleiben.

Reiseführer, ausgedruckte Eisenbahnrouten und mein Laptop mit Reiseblogs auf unserer roten Bank
Erste Reiseplanung mit Blogs und Büchern. Die Route haben wir später noch geändert.

Da die Fahrt von Düsseldorf nach Glasgow mit der Bahn 11 Stunden dauern würde, empfiehlt es sich, am ersten Tag nicht ganz so weit zu fahren. Also planten wir als erste Station einen Aufenthalt im englischen Lake District. Ein außerplanmäßiger Halt des Eurostar kurz hinter Brüssel sorgte schließlich für einen weiteren Zwischenstopp in London. Die Lakes erreichten wir einen Tag später als geplant, und der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfälle.

Lake District und Yorkshire Dales waren mir bereits früher als Reiseziele empfohlen worden. Landschaftlich könnten sie aus meiner Sicht auch Teil der schottischen Lower Uplands sein. In den Yorkshire Dales findet man kleine Bahnhöfe im viktorianischen Stil, die liebevoll mit Blumen dekoriert werden, im Lake District waren die Schilder auch auf Chinesisch beschriftet, da der dort im Englischunterricht beliebte Peter the Rabbit wohl keine Vokabeln für Bahnreisende im Gepäck hatte. Das Örtchen Settle schien wie aus der Zeit gefallen und im nahe gelegenen Malham wusste ein alter Eisverkäufer, der uns als Anhalter mitnahm, zu berichten, dass früher viel mehr Busse unterwegs waren, “als noch nicht jeder ein eigenes Auto hatte”.

Nach einer Woche Landleben bezogen wir unsere Unterkunft im West End von Glasgow und genossen Kultur, Musik und Nachtleben der Großstadt. Die U-Bahn ist hier keine “Underground”, sondern eine “Subway” und verkehrt als Ringlinie mit Outer und “Inner Circle”, der Busverkehr ist tagsüber super und, im Gegensatz zu Edinburgh, nachts kaum vorhanden. Traditionelle Taxen wurden anscheinend weitgehend von Uber verdrängt.

Die Weiterfahrt in Richtung Isle of Skye führt zwischen hohen Bergen hindurch und über das aus den Harry-Potter-Filmen bekannte Glenfinnan-Viadukt zum Fährhafen von Mallaig, wo auch die Autofahrer geduldig auf eine der selten verkehrenden Fähren zur Isle of Skye warten mussten.

Konzertplakat: Charlie McKerron with Ross Ainslie and Tim Edey 6 August Sabhal Mòr Ostaig, Fèis an Eilein, Isle of Skye
Konzertplakat an der Bushalte

Unsere Gastgeber in Sleat, dem grünen “Garten der Insel” waren zunächst überrascht, dass wir nicht mit dem Auto kamen und gaben uns die Nummer eines Freundes, der E-Bikes verliehen hätte. Auch hier sind wir mit dem Bus sehr gut klargekommen, haben zu Fuß sehr viel von der Landschaft gesehen und den großartigen Folk-Geiger Charlie McKerron live gesehen, für dessen kleines Konzert passenderweise nur wenige kleine Plakate an der Bushaltestelle warben.

An einem regnerischen Sonntag stiegen viele junge Backpacker mit Fahrrädern zu uns in den Bus ein, eine von ihnen zückte kurze Zeit später ihr Handy und begann auf spanisch wortreich in die Kamera zu sprechen, vermutlich für ihre Follower auf YouTube. Andere hatten weder ein Fahrrad noch ein Busticket und setzten ihren Weg trotz des Regenwetters zu Fuß fort. Sie waren uns bereits auf der Fähre begegnet und erzählten dort einer anderen Mitreisenden, dass sie bereits wochenlang zu Fuß auf Campingtour unterwegs waren.

Die weitere Reise führte uns durch die Highlands nach Inverness, wo es auch einen Zug weiter in den Norden gegeben hätte, und schließlich in die Cairngorms und nach Edinburgh, wo wir uns in den Trubel des Fringe-Festivals stürzten. Auf der Rückfahrt in Richtung London lud uns ein junger Mann zum Rotwein ein und schwärmte davon, wie romantisch es sein, fremde Menschen im Zug kennen zu lernen, ohne Namen und Kontaktdaten auszutauschen.

Der Eurostar nach Brüssel fuhr diesmal planmäßig, jedoch habe ich gelernt, dass der Check-In wie eine Flugreise funktioniert und man auf jeden Fall pünktlich erscheinen sollte. In dem Moment wurde mir erst wirklich klar, welche Flexibilität und Freiheit wir auf den anderen Bahnverbindungen mit unserem Interrail-Ticket hatten.

Insgesamt kann ich nur sagen, dass wir eine tolle Reise hatten auf der wir nichts vermissten und anscheinend mehr gesehen haben als manche, die mit dem Auto unterwegs waren. Dass die Anreise mit dem Flugzeug deutlich billiger gewesen wäre, halte ich für das Ergebnis einer verfehlten und unökologischen Verkehrspolitik, die sich hoffentlich durch eine wachsendes Umweltbewusstsein zum besseren wenden wird.

Bildergalerie

Verkehrswende: mobil ohne eigenes Auto

Public Transport Cards “Mein Abo läuft, ich fahre” – Jobticket, Bahncard und OysterCard

Die Verbrennung von Kohle und Diesel im 21. Jahrhundert ist kaum weniger absurd und anachronistisch als es eine Hexenverbrennung wäre, und wenn nach Fahrverboten aufgrund von Dieselskandal und Abgasmanipulation bald nur noch Autos von Tesla und Toyota durch Stuttgart und Wolfsburg fahren, wird auch die deutsche Automobilindustrie auf einmal voll auf Elektro setzen.

Doch ist, wie Eisenbahn-Blogger Niki Schmölz sehr richtig schreibt, die Elektrifizierung des Straßenverkehrs zwar eine Antriebswende, aber damit noch lange keine Verkehrswende: “Zu einer lebenswerten Stadt gehört nicht nur gute Luft, sondern auch genug Platz für Freiraum und Wohnbau. Das Automobil nimmt seit Jahren große Flächen in Anspruch und das wird auch eine Batterie nicht ändern.”

Besonders in der Großstadt ist es ärgerlich und unvernünftig, die Straßen für den täglichen Pendlerstau zu verschwenden, anstelle den öffentlichen Nahverkehr und das Fahrrad fahren stärker zu fördern, so wie beispielsweise die bereits jetzt für ihre Fahrradfreundlichkeit bekannte Universitätsstadt Münster ab 2019
die Anschaffung von Lastenfahrrädern finanziell unterstützen will.

Water Crates on a Bike Trailer

Alternativ kann man sich auch einen Fahrradanhänger zulegen, zum Beispiel einen Burley Travoy, der sich sehr platzsparend zusammenfalten lässt und mit dem man zwei volle Getränkekisten transportieren kann. Die Anhängerkupplung lässt sich nachträglich an ein vorhandenes Fahrrad anbringen.

Realistisch betrachtet, bleibt es schwer, ganz auf ein eigenes Auto zu verzichten, insbesondere wenn man selbst oder Verwandte ländlich wohnen, aber für das städtische Leben bieten öffentliche Verkehrsmittel, Fahrräder und CarSharing-Konzepte inzwischen viele Möglichkeiten, öfter mal Teil der Lösung anstatt Teil des Problems zu sein.

Buch "Ausfahrt Zukunft" von Frederic Vester Der Duden definiert die Verkehrswende als “grundlegende Umstellung des öffentlichen Verkehrs [besonders mit ökologischen Zielvorstellungen]”. Schon 1991 wurde in Münster ein gleichnamiger Verein (Verkehrswende e.V.) gegründet, aus dem später das CarSharing-Projekt “Stadtteilauto” hervorging.
Die unter dem Titel “Ausfahrt Zukunft” erschienene Studie des Ökologen Frederic Vester forderte schon in den 1980er Jahren zu einer Verkehrswende auf, die leider immer noch mehr Wunsch als Wirklichkeit ist.

Smart Cities, Verkehrswende und Datenschutz

Aktuelles Beispiel in der Datenschutzdebatte ist die Zukunft unserer Infrastruktur. “Smart Cities“, “Smart Home” und elektronische Medizintechnik wecken gleichermaßen Hoffnungen und Befürchtungen. Moderne, lebenswerte Städte ohne Stau und ein langes, gesundes Leben erhoffen wir uns dank Vernetzung und künstlicher Intelligenz, jedoch wird dabei oft die natürliche Intelligenz (das eigene Gehirn) ausgeschaltet und die Herausforderungen bezüglich Datenschutz und Sicherheit vergessen. Technologischer Fortschritt ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug dessen sich die Menschen bedienen können.

“Die Stadt der Zukunft ist keine Frage von „smart city“-Technologie, sondern von Intelligenz vor Ort,” schreibt Martin Randelhoff im Blog Zukunft Mobilität.

Creative and Smart City (Wikipedia)
Creative and Smart City (Wikipedia)

 

Die Datenschutzdebatte ist inzwischen auch bei den Vorreitern von “Big Data” angekommen. So beschäftigt das, oft als “Datenkrake” kritisierte Unternehmen Google in München ein eigenes Datenschutz-Team und fordert ihre Nutzer dazu auf, die Privatsphäre-Einstellungen zu nutzen, und Social-Media-Schwergewicht Facebook gibt in großen Werbeanzeigen Nachhilfe in Sachen Medienkompetenz. Die Verkehrswende bleibt jedoch weiterhin ein unerfüllter Traum. Täglich stehen Millionen Pendler im Stau und viele denken beim Thema Verkehrswende vor allem an Elektromobilität, Drohnen, Lufttaxis und Raketen. Wichtiger wäre aber, den vernachlässigten Ausbau von Bahnstrecken und Radwegen nachzuholen und die bestehende Infrastruktur vor dem weiteren Verfall zu schützen. Das funktioniert im Übrigen auch mit bestehenden Mitteln und ganz ohne Technologie aus Amerika und Fernost.

Nachdem die ersten Schritte in Richtung “Smart Home” von “digital naiven” buchstäblich Tür und Tor für Hacker geöffnet haben (u.a. mit unverschlüsselten Passwörtern bei elektronischen Türschlössern), muss die weitere Digitalisierung der Gesellschaft professionell betrieben werden, anonsten wird sie besonders in Deutschland weiterhin auf große Skepsis stoßen.