Indien in Wort, Bild und Klang – Reise- und Lesetipps

Indien beflügelt seit Jahrtausenden die Fantasie von Menschen in Europa.

Elephant Graveyard by Tarquin Hall (Quelle: TarquinHall.com

Indien ist mehr als ein Land, größer als Europa und daher kaum zu verallgemeinern. Was allerdings meist zutrifft: Indien ist voller Menschen, voller Gerüche und voller Klänge. Nicht nur für Traveller interessant: Romane die im heutigen Indien spielen. (Coole Leute sind eben Traveller und keine Touristen… und überhaupt die besseren Menschen, oder nicht? The Beach und der in Bombay und Pahar Ganj / New Delhi spielende Roman Paperback Raita untergraben diese These allerdings nachhaltig). Wenn man selbst schon in Indien unterwegs war, wird man in solchen Geschichten und Reiseberichten viele Eigenarten des Landes und der Leute wieder entdecken. Fast schon eine Satire ist die wahre Geschichte Wo die Elefanten sterben, in der der englische Reporter Tarquin Hall einen indischen Jäger begleitet. Dieser soll im staatlichen Auftrag einen Elefanten erschießen, der mehrere Menschen grundlos getötet hat. Im Laufe der Geschichte wird Hall einige Vorurteile los und kann von kuriosen Reisebekanntschaften berichten.

Ähnlich aufregende und lustige Reise-Erlebnisse schildert der in Indien geborene Salman Rushdie. Sein Roman Harun und das Meer der Geschichten (Haroun and the Sea of Stories, 1990) ist ein Märchen das die schöne Landschaft und den alltäglichen Wahnsinn des indischen Kashmir mit seinen Seen, Kanälen und schwimmenden Seerosen-Gärten liebevoll in einer der schönsten Geschichten des großartigen Erzählers einfließen lässt. Salman Rushdie hat sehr unterschiedliche Bücher verfasst, die eins gemeinsam haben: auch die phantastischsten Welten sind immer von oft satirischen Anspielungen auf unsere heutige Welt durchdrungen, womit sich Salman Rushdie nicht nur Freunde, sondern auch viele Feinde gemacht hat.

Der Film „Slumdog Millionär“ bietet einen teils lustigen und für Außenstehende teilweise auch schockierenden Einblick in das moderne Indien und verzaubert mit einer tollen Story (nach dem Buch von Vikas Swarup) und einem großartigen Soundtrack. Danny Boyle (The Beach, Trainspotting) hatte zunächst Probleme, überhaupt einen Verleih für den Film zu finden, der schließlich mit mehreren Oscars ausgezeichnet wurde. Bollywood-Fans müssen sich bis zum Ende gedulden, denn getanzt wird in diesem Film für indische Verhältnisse eher wenig.

Slumdog Millionaire (Filmposter, Quelle: Wikipedia)

In Europa erfreuen sich inzwischen die so genannten Bollywood-Filme wachsender Beliebtheit. Der Reiz von Bollywood liegt vielleicht in der Mischung von Musical-, Action- und Kitsch- Elementen, aber das können Bollywood-Fans sicher besser beantworten. Kommerziell kann die Filmindustrie aus Bombay durchaus mit Hollywood mithalten. Bollywood zelebriert eine glanzvolle Traumwelt, die allerdings mit der realen Alltagswelt in Indien überhaupt nichts zu tun hat. Bergromantik wird der Einfachheit halber oft in der Schweiz statt im krisengeplagten Himalaya gefilmt, und Schauspieler nutzen oft ihre Popularität um in der Politik Karriere zu machen wie Reagan und Arnie in den USA.

Indien ist das Land der Klänge, nicht der Buchstaben. Verkehrszeichen sind so selten wie Zeitungen, dafür zeigt jeder Verkehrsteilnehmer durch ständiges Hupen oder Klingeln seine Position und die Wichtigkeit seines Fahrzeugs an … Solche und ähnliche Schilderungen sind nicht nur witzig zu lesen, sondern verraten auch viel über den Alltag in Indien, zumal wenn sie durch ganz konkrete Verhaltenstipps ergänzt werden, wie im Buch „Culture Shock India“ aus der Feder der indischen Autorin Gitanjali Kolanad.

Auch musikalisch ist Indien eine ganze Welt für sich. Überall ist Popmusik zu hören, meist Bollywood-Filmmusik, laut gespielt auf kleinen Cassettenrekordern oder auch auf der Straße gesungen. Wer klassische indische Musik mit Sitar und Tabla hören oder gar kaufen will, sollte sich für die Suche viel Zeit mitbringen, aber das sollte man sowieso für die ganze Reise.

Nusrat Fateh Ali Khan (Wikipedia)

Bekannte „ernste“ Musiker aus Indien und Pakistan sind neben Ravi Shankar und seiner Tochter Norah Jones auch der Tabla-Spieler Zakir Hussain. Sitar-Virtuosen wie Pandit Shivnat Mishra („Music of Benares“) sind weniger populär als sie verdient hätten. Weltberühmt ist dagegen der Sänger Nusrat Fateh Ali Khan, dessen Beliebtheit auch nach seinem Tod 1997 ungebrochen blieb. Er wird gleichermaßen als Bewahrer und Modernisierer der traditionellen pakistanischen Musik (Sufi Qawwali Music) in die Geschichte eingehen. Von seinen Songs existieren auch unzählige Remixes, beispielsweise von DJ Bally Sagoo. Wie dieser gehört auch Talvin Singh, der Erfinder des elektrischen Tabla-Schlagzeugs, zu den experimentierfreudigen Vertretern des Asian Underground die meist in England leben. Durch den Hit „Mundian to bach ke“ von Punjabi MC wurde Bhangra als Musikrichtung international bekannt. Goa ist zwar eine indische Küstengegend, aber die dort beliebte Psychedelic Trance – Musik stammt in der Regel aus Europa und Israel.

Indien ist reich an verschiedenen Sprachen. Hindi und Urdu sind im Norden verbreitet, aber Englisch ist die einzige gemeinsame Sprache aller Inder. Während in der Alltagssprache einige Eigentümlichkeiten asiastischer Grammatik auffallen (die beliebte indische Frage „Possible?“ entspricht dem wohl der Frage „Can?“ im Thai-Englisch, und „Yes, possible!“ wäre eine passende Antwort), ist die amtliche Sprache von altmodischen Redewendungen der englischen Besatzungszeit durchzogen. Das Englisch der Traveller wurde mit vereinzelten indischen Worten wie „Acha“ (O.K.) angereichert. Auch die Verehrung von Shiva (der in seinem Tanz erschafft und zerstört) und Ganesha (Gott des Glücks) sind unter Travellern (und Goa-Freaks) nicht allzu ungewöhnlich.

Zwar haben viele Inder viel zu wenig zu essen, so dass man als Tourist regelmäßig von bettelnden Händen umringt ist, andererseits bekommt man schon für wenige Rupien an jeder Straßenecke besseres Essen als bei den Fastfood-Ketten in der übrigen Welt. Grundzutaten indischer Mahlzeiten sind Reis und Dal (Linsen). Fleisch ist aus religiösen und oft auch finanziellen Gründen eher selten, dafür ist das Essen fast immer scharf und würzig. Mangos, Granatäpfel und Bananen gedeihen im warmen Klima gut, dagegen gelten Äpfel als seltene Delikatesse aus den Hochtälern des Himalaya. Brot ist normalerweiße dünner weißer Fladen (Chapati), andere Sorten findet man gelegentlich in Traveller-Cafes und so genannten German Bakeries. Indien ist das Land des Tees. Viele schwarze Tee-Sorten wie Assam und Darjeeling sind nach indischen Anbaugebieten benannt. Als Chai (Tee) wird aber meist Milchtee serviert, heißer schwarzer Tee mit viel Milch und viel Zucker. Kaffee ist in Indien praktisch unbekannt. Auch Autan und Moskitonetz sollte man sicherheitshalber schon in Europa kaufen, zumal Malaria durch Insekten übertragen wird und viele Errger inzwischen gegen die üblichen Medikamente resistent sind. Bakshish kann Trinkgeld, aber auch Bestechungsgeld oder Almosen bezeichnen. Wer eine Indien-Reise bezahlen kann, gilt als reich und von ihm wird Bakshish erwartet. „Westliche“ Phänomene wie Atheismus, Einzelkinder oder Single-Dasein sind in der indischen Gesellschaft extrem selten und so ungewöhnlich wie kurze Hosen. Zum Grüßen und Essen benutzt man immer die rechte Hand, niemals die „unreine“ linke.

Indien kann auf mehrere tausend Jahre Geschichte zurück blicken. Die in Sanskrit verfassten Veden und das Kama Sutra sind weltweit bekannt, ebenso die Worte und Taten Buddhas und die des idealistischen Rechtsanwalts Mohindas „Mahatma“ Gandhi, dessen gewaltloser Widerstand gegen die britischen Kolonialherren die Unabhängigkeit des indischen Staates ermöglichte. Seine Maxime „Live simply so that others may simply live!“ (Lebe einfach, einfach damit auch andere leben können) stieß jedoch häufig auf verschlossene Ohren.

Indische Spiele sind Schach, Carromm – ein Spiel bei dem man flache Spielsteine mit dem Finger über ein Brett kickt um sie ähnlich wie beim Billard in Löcher zu befördern bevor der Gegner das mit seinen Steinen erreicht hat, und Cricket – eine britische Variante von Baseball bei der die meisten Spieler die meiste Zeit herumstehen, zumindest sieht es für mich als Zuschauer so aus. Kein typisch indischer Sport ist dagegen der Frauenfußball, wie es der Film „Kick it like Beckham“ mit Parminder Nagra und Keira Knightley amüsant schilderte. Insgesamt kann man sagen dass Indien mehr als eine Reise Wert ist, diese aber gut vorbereitet sein will.

Indien auf der Landkarte


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Oben: Open Street maps, zum Vergleich unten Google Maps

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