Jenseits der Hypes und Bestenlisten, angeblicher künstlicher Intelligenz und enthuasiastischen Empfehlungen für den nächsten „schlechtesten Film der Welt“ geraten die wirklich wichtigen Themen und Werke leicht in Vergessenheit. Das ist vermutlich Absicht. Das Gehirn ist ein Klimaleugner, und in Talkshows, Feuilletons und Bild-Schlagzeilen zu diskutieren, ob die Proteste der letzten Generation zu weit gehen, triggert Zorn von allen Seiten und befeuert die Emotionsspirale, auch in asozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook, die inzwischen ganz schön verzweifelt versuchen, ihre Nutzer:innen zum bleiben zu bewegen.

Klimakrise, Krieg, Quatar-WM und Corona: ein Jahresrückblick auf 2022 gibt Grund zur Rage (Rant), so wie auch alle Jahr zuvor. Wann fing es eigentlich an, dass das Vertrauen in Wohlstand, Sicherheit und Zusammenhalt der ersten Welt, in der es angeblich allen so gut geht, zerbrach?

Eine Welt, die Menschen zu „Wutbürgern“ werden lässt

Dieser Frage geht die ZEIT-Autorin Anita Blasberg in ihrem neuen Buch „Der Verlust“ auf den Grund.

Buchcover: Der Verlust (Anita Blasberg)

Ausgehend von der Frage, warum ihre einst optimistische und lebensfrohe Mutter zur Wutbürgerin wurde, verfolgt Anita Blasberg die deutsche Geschichte nach dem Ende des kalten Krieges anhand persönlicher Schicksale wie in einem historischer Roman, der längst vergessene Schlagzeilen zum Leben erweckt. Bildungsbürger:innen, die Rezos „Zerstörungs“-Rants, trotz Factfulness aufgrund seines Millennial-Duktus verschmähten, lesen hier die Zestörung unserer Gesellschaft durch den homo oeconomicus als ZEIT-Reportage in Buchlänge. Allen nach der Kohl-Ära geborenen empfehle ich den „Verlust“ als das spannende Geschichtsbuch, das in der Bib noch fehlte.

Auf eine gänzlich andere Lebens- und Landesgeschichte blickt der satirische Talkmaster Trevor Noah zurück. In Born a Crime berichtet er von seiner Kindheit und Jugend im Südafrika der Apartheid, Religion, Rassismus und tragikomischen Teenager-Erlebnissen. Ich bin gespannt auf die angekündigte Verfilmung!

Collage aus Filmplakaten und Buchtiteln am Eingang des Kinosaals im New Yorck Kino in Berlin

Ästhetik, Gesellschaftskritik und Coming-of-Age in der DDR

Ein Rückblick, den ich inhaltlich nicht beurteilen kann, da ich vor der Wende nur ein einziges Mal in die DDR reiste, ist nicht nur Geschichtsstunde, sondern auch eine zeitlose Coming-of-Age-Story und bringt die Fotos queerer und kritischer Mode und Kunst zum Leben, die bereits in Ausstellungen der Berlinischen Galerie und der Agentur Ostkreuz mehrfach gezeigt wurden. Während im gleichen Jahr der erfolgreiche, aber nicht unumstritten e Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ auf Englisch erscheint, zeigt Aelrun Goettes „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ einen ästhetisch faszinierenden Rückblick jenseits der üblichen Blümchentapeten-Ostalgie. Die Hauptdarstellerin Marlene Burow werden wir hoffenlich in der anstehenden Verfilmung von „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von Daniela Krien wiedersehen, eine weitere Leseempfehlung für einen persönlichen Einblick in die deutsche Geschichte aus Sicht der Menschen, die auch in der damals nur scheinbar heilen Welt aneckten.

Albern, aber nicht entpolitisiert: Meltem Kaplan als Rabiye Kurnaz

Ebenfalls geschichtsträchtig, kritisch und unbequem, aber trotz des ersten Themas sehr lustig gespielt, ist „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ein weiterer Film, der mir persönlich in den intellektuellen Bestenlisten fehlt. Albern und liebevoll parodiert Meltem Kaplan Akzent und Kleinbürgerlichkeit einer Deutschtürkin, deren Sohn als angeblicher Islamist in Guantanamo verhaftet wird. Vielleicht mag der „entpolitisierende Human Touch“ von der Tragik der Weltpolitik ablenken, aber es bleibt aus meiner Sicht genügend kritische Fakten, um zum Nachdenken und Recherchieren anzuregen.

Auch in Karoline Herfurths Komödie Wunderschön verbirgt sich die Gesellschaftskritik hinter einer vordergründig albernen Fassade.

Zeitlogsigkeit und Hoffnung in Berlin, New York und Paris

„Der Passfälscher“ erweckt die wahre Geschichte von Cioma Schönhaus unterhaltsam, ästhetisch und optimistisch zum Leben. Ähnlich wie Babylon Berlin und Fabian oder Der Gang vor die Hunde verbergen sich hinter Nostalgie, altertümlichen Ausdrücken und schönen Kostümen viele Parallelen zwischen damals und heute. Als Ende der 2010er Jahre von den „neuen (goldenen) Zwanzigern“ geschrieben wurde, war noch gar nicht abzusehen, wie sehr sich auch die dramatischen Aspekte der damaligen Zeit gut hundert Jahre später gleichen, und wie unterschiedlich der Lauf der Weltgeschichte einzelne Menschen in ihrem Leben betrifft. So endet 2022 für mich persönlich mit dem ambivalenten Rückblick „zwei Schritte vorwärts und einen zurück“ gemacht zu haben, während andere durch Krieg, Armut oder Umweltzerstörung ihre Existenz verloren haben.

Der Verlust von Vertrauen und Sicherheit ist auch eine Ent-Täuschung mit der Erkenntnis, wie fragil und flüchtig Glück und das ganze Leben sein können. Positiv betrachtet, lehrt uns dieser Verlust, jeden einzelnen Moment viel mehr zu schätzen. Positiv ist auch der Aufbruch, der Menschen dazu bringt, gewohntes – oder von Medien und Mächtigen vorgesetztes – infrage zu stellen und sich ihre eigene Meinung zu bilden, eigene Artikel zu schreiben, eigene Kunst, Musik und Mode zu schaffen.

Buchcover mit einem historischern Gemälde von Spitzweg und kontrastierendem Titel in grellem Pink

Auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen erscheint der eigentümliche Roman Spitzweg“, dessen Stil mich stellenweise an Hermann Hesse erinnerte. Was es mit Chopin und der scheinbar erfundenen Band „Vampirwochenende“ auf sich hat, mag belanglos erscheinen, dennoch möchte ich sowohl das Buch als auch die erwähnte Kunst und Musik empfehlen.

Fiktional, international und auf ihre eigene Weise zeitlos sind schließlich zwei aktuelle Schwarzweißfilme, die Menschen und Orte in ihrer flüchtigen Schönheit zeigen, die am besten auf der großen Leinwand wirkt. Leider waren beide nur kurze Zeit in den Programmkinos zu sehen. „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ sah ich im Passage Kino in Leipzig, den Passfälscher im Cinéma Paris und C’mon c’mon im neuen OFF in Berlin, während auf der Leinwand Szenen aus Paris, Los Angeles, New York und dem in Leipzig gefilmten Nachbild des historischen Berlins von Verlust, Verfall, aber auch von Hoffnung, Liebe und Menschlichkeit erzählten.

Collage: Wo in Paris die Sonne aufgeht im Kinoprogramm von Leipzig und künstlerisch gefaltetes Filmplakat des Passfälschers im Cinéma Paris in Berlin