Der Fuchs

Ich war nicht überrascht, einen Fuchs in Berlin zu sehen. Ehrlich gesagt erhoffte ich eine weitere Begegnung sogar. Aber an einer belebten Straße zwischen dem Bahnhof Zoo und der Universität der Künste an einem frühen Frühlingsabend hätte ich am wenigsten damit gerechnet.

Trügerischer Großstadtdschungel

Als ich Wandern bei Nacht las, ein Buch von John Lewis-Stempel, war ich fasziniert von der ländlichen Umgebung und seiner Liebe zum Detail, zur Natur und zur Poesie. Unser sogenannter „urbaner Dschungel“ ist urban und ein Habitat unwahrscheinlicher Lebewesen. Bloß ist es kein Dschungel und auch kein natürliches Ökosystem.

Fuchs-Verniedlichung

verniedlichte Fuchs-Fotos auf Buchtiteln

Den Fuchs hat unsere Kultur auf eine kluge und süße Figur reduziert. Ein traditionelles Volkslied betont hingegen seine Rolle als Raubtier, das Gänse jagt. In Wirklichkeit ist der Fuchs weniger ein verspielter Stadtbummler, sondern vielmehr ein aus der Not in eine gefährliche Umwelt getriebenes Tier. Würden Füchse Drogen nehmen und anfangen zu betteln, hätten sie ihre Beliebtheit schnell verspielt. Aber ich denke, das wäre ihnen wohl egal.

Mangelndes artübergreifendes Mitgefühl

Die menschliche Doppelmoral wird wieder und wieder diskutiert, sobald wilde Tiere an unerwarteten Orten für Schlagzeilen sorgen. Die Menschen haben Mitleid mit einem verirrten Wal, aber nicht mit einem Wolf, der ihr Vieh reißt, oder einem Wildschwein, das ihren Garten umgräbt.

Hunde und Tauben gehören zu den wenigen städtischen Tieren, die polarisieren. Was sind sie? liebe Freunde, Symbole des Friedens, oder gezähmte Kreaturen ohne natürlichen Lebensraum, die herumlungern und Dreck, Ärger und Lärm machen? Aus mangelnder artübergreifender Empathie neigen Stadtbewohner dazu, Tiere zur Projektionsfläche ihrer eigenen Hoffnungen und Ängste zu machen.

Kältestrahlen-Fotografie

Hier ist ein Bild einer neonbeleuchteten Tankstelle, das ich kürzlich im Vorübergehen machte. Ihr blaues Licht erinnerte mich an eine Kunstausstellung, die vor einigen Jahren, damals noch in Düsseldorf, auf das Lebenswerk des wenig bekannten Künstlers Horst Ademeit zurückblickte. Seine zahlreichen Polaroid-Bilder, in kleinsten Buchstaben akribisch beschriftet mit ausführlichen Beschreibungen detaillierter Beobachtungen, dokumentieren das moderne Stadtleben jenseits traditioneller fotografischer Motive.

Ademeit war fasziniert vom Konzept der Kältestrahlen. Vielleicht kennst du das Gefühl, dass die Berührung eines kalten Heizkörpers der Hand und ihrer Umgebung scheinbar Wärme entzieht. Wir sprechen auch von „kaltem Licht“ und meinen damit Neonlicht, LEDs und Blautöne im niedrigen Frequenzbereich des sichtbaren Farbspektrums. Kerzen und Glühbirnen werden hingegen heiß und strahlen in wärmeren Farbtönen wie orange, gelb und rot, denen physikalisch das unsichtbare warme Infrarot folgt. Da erscheint es nur logisch, dass es eine Art unsichtbarer ultravioletter Kältestrahlung geben könnte. Obwohl die moderne Physik das seit langem wissenschaftlich wiederlegte, behält es eine poetische Wahrheit. So wie die vordergründig falsche Furcht von Verschwörungstheoretikern vor Chemtrails berechtigte Kritik enthält, gibt es Gründe, die blau leuchtenden Tankstellen zu kritisieren, und sei es bloß wegen der Lichtverschmutzung.

Fake-Polaroid Hommage

Als Hommage an den Künstler wollte ich ein Fake-Polaroid erschaffen. Ich habe es versucht und bin gescheitert, oder vielleicht auch nicht. Hier ist eines meiner Failed Fakes mit einem echten Foto darin. Ähnliche Bilder habe ich an der Badezimmerwand einer Hotelkette gesehen, deren Mischung beliebter und unkonventioneller Sehenswürdigkeiten und Momente die Atmosphäre einer analogen Fotowand in einem Airbnb oder in der Wohnung eines Freundes nachempfinden wollte. Hinter der kitschigen Werbeästhetik können wir auch in diesem Werk eine Kritik an der Lichtverschmutzung entdecken.

Von Düsseldorf nach Berlin

Ich habe früher in Düsseldorf gelebt, wo Horst Ademeit seine künstlerische Auseinandersetzung mit Kältestrahlen verfolgte. Nun lebe ich seit einigen Jahren in Berlin und beobachte meine Umgebung gleichermaßen als Einheimischer als auch als interessierter Fremder. Ich habe nicht alle der künstlerischen Kritzeleien entziffert, und ich weiß nicht, was sich der Fuchs gedacht hat. Ich weiß nur, was ich selbst sehe, wenn ich nachts durch die Straßen Berlins gehe.

Dunkle Seite der Gentrifizierung: beleuchtet aber unbewohnt

Kaltlichtverschmutzung ist ein Zeichen der Urbanisierung, nicht der Gentrifizierung. Das Neukölln der Vergangenheit war weniger beleuchtet, berichten Nachbarn, die hier aufgewachsen sind. Die Tankstelle könnte irgendwo sein, sogar in einem Dorf. Doch die dunkle Seite der Gentrifizierung zeigt sich in den Läden und Veranstaltungsorten, die in den letzten Jahren für immer ersatzlos schließen mussten.

Urbaner Verfall, tote Innenstädte

The Future Sound of London, ein Projekt elektronischer Musiker, veröffentlichte einst ein Album mit dem Titel Dead Cities. Musik, Songtexte und Covergestaltung lassen sich als ein Parallelprojekt betrachten, das kritische Beobachtung in ein ästhetisches Kunstwerk verwandelt.

Urbaner Verfall kann eine morbide Ästhetik entwickeln. Kaltes Licht erinnert vielleicht an Ozeane, Disco-Nächte oder an die Polizei. Aber beleuchtete Leere zeigt bloß, wo unsere Gesellschaft versagt. Beleuchtete Leere ist einfach nur leer.

Digitale Kunst und kritische Fotografie

Obwohl es heißt, Künstler sollten Wut in Blumen verwandeln, bleibt die Begrünung des Stadtbilds oft mühsam und vergeblich. Ich habe einmal mitbekommen, wie der Begriff „kritische Fotografie“ fälschlicherweise als eine eher abstrakte oder moderne Stilllebenfotografie verstanden wurde, wenn auch mit einem kritischen Unterton. Das ist genau die Art subtil kritischer Fotografie, die ich in Ademeits Polaroids erkenne, und ein Stil, den ich in Zukunft selbst gerne weiter erforschen möchte.

Zukünftige Fotografie- und Kunst-Inspiration

Ich fühle mich dazu inspiriert, noch mehr Details des städtischen Lebens festzuhalten, die von der Mainstream-Kultur oft übersehen werden. Aber zunächst möchte ich noch einige digitale Kunstwerke teilen. Das einzige vorzeigbare KI-Kunstwerk aus einer surrealen Fuchs-Serie zeigt den nächtlichen Wanderer in einem spukhaften Walde. Inspiriert vom britischen Buchcover von John Lewis Stempels Wandern bei Nacht, Nightwalking, und von klassischen Computerspielen, bezieht es zufällige Elemente wie die unregelmäßigen Formen auf dem Weg künstlerisch mit ein. Bei näherem Hinsehen passen die Details nicht zusammen, aber doch gefällt mir die Gesamtkomposition.

Zu guter Letzt zeige ich noch ein weiteres KI-Kunstwerk. Als Kontrast zur selben surrealen Blaulicht-Schauerlichkeit ist ein brennender Dinosaurier zu sehen, der bis auf sein Skelett heruntergebrannt ist. Fragt mich nicht, was das bedeuten soll. Ich bin bloß ein Hobbykünstler, der Zufälle dankbar annimmt und versucht, seine Wut in Kunst zu verwandeln, mit oder ohne Blumen.