Lázár und Der Kartograf des Vergessens: zwei lesenswerte Bücher
Der Kartograf des Vergessens von Mia Couto und Lázár von Nelio Biedermann wurden bisher selten zusammen diskutiert. Sie unterscheiden sich nicht nur vom Schauplatz her, Lázár im habsburgischen Ungarn und der Kartograf des Vergessens an der Küste Mosambiks. Nelio Biedermann und Mia Couto wurden in ihren jeweiligen Kulturen und Kreisen gefeiert, aber eine entsprechende Entdeckung durch das internationale Mainstream-Publikum steht noch aus.
Inhaltswarnung
Du solltest die beiden Bücher vielleicht nicht lesen, wenn du selbst traumatisiert oder empfindlich bist. Gewalt, Missbrauch und Ungerechtigkeit sind Teil der Geschichten. Vielleicht möchtest du sie aber auch gerade deshalb lesen. Zwar wird nicht allen Opfern Gerechtigkeit, Wiedergutmachung oder Erlösung zuteil, machen aber sehr wohl. Insgesamt beschreiben beide Bücher krasse und brutale Ereignisse. Die basieren aber auf wahrer Geschichte oder sind davon inspiriert, ohne sich an den Details zu ergötzen, wie es Krimis oft tun.
Ohne weitere spezifische Details zu spoilern, sei nur so viel verraten, dass beide Bücher Grund genug bieten zum Lachen, Weinen, oder sie nicht zuende zu lesen.

Unter dem Cover
Mir fiel auf, dass Lázár für verschiedene Übersetzungen dasselbe Cover verwendet, während Der Kartograf des Vergessens nicht nur seinen Titel, auf Englisch der Kartograf der Abwesenheiten, sondern auch sein Cover ändert. Die deutsche und englische Ausgabe ziert jeweils ein eher düsteres, geradezu abstraktes Titelbild, ganz im Gegensatz zum auffallend farbenfroh bebilderten portugiesischen Original.
Nelio Biedermanns Lázár liest sich mehr wie ein klassischer Roman, während Mia Couto experimenteller schreibt und Prosa mit Poesie, Interviews und bürokratischen Berichten abwechselt. Couto mischt außerdem Elemente afrikanischer Bantu-Sprache in sein mosambikanisches Portugiesisch, als Beitrag zur Erschaffung einer neuen postkolonialen Kultur. Dieser Aspekt geht auch in der Übersetzung nicht völlig verloren.
Beide Bücher erkunden ähnliche Themen: vererbte Schuld und vererbtes Leid. Die zwiespältige Rolle privilegierter Menschen in sich verändernden Gesellschaften. Warum Menschen oft lieber vergessen als die Vergangenheit zu bewältigen. Beide mischen Fakten mit Fiktion und leicht surrealen Aspekten.
Lázár, ein Autor und seine Familie
Viele Familiengeschichten lassen sich nur bis zu den eigenen Großeltern zurückverfolgen. Vielleicht sind Generationen überspannende Familiensagas deshalb so spannend. Dem jungen Autor Nelio Biedermann scheint es gelungen, die Lebensgeschichte seiner Urgroßeltern und deren Vorfahren als persönliche Chronik des 20. Jahrhunderts in Ungarn zu erzählen. Wo genau seine eigene Geschichte weitergeht, bleibt im Dunkeln.
Viele Worte haben europäische Intellektuelle über den Roman Lázár gesagt und geschrieben. Vielleicht schon zu viele. Lázár wurde gelobt und kritisiert, auch dafür, nicht genug zu sagen. Wenn es sich so anfühlt, als fehle etwas oder als ende ein Kapitel zu früh, dann spiegelt dies bloß die tatsächlichen historischen Umbrüche wider. Über eigenwillige Nebenhandlungen und unheimliche Traurigkeit in den frühen Kapiteln kann ich nur mutmaßen, dass sie vielleicht von echter eigener Familiengeschichte oder derer anderer Landadeliger inspiriert ist. Insgesamt finde ich, es ergibt trotz alledem Sinn und macht Lázár, trotz verstörendender Inhalte zum leichteren der beiden Romane.
Abwesenheit und magischer Realismus
Der Kartograf des Vergessens ist nachdenklicher, umfasst insgesamt einen kürzeren Zeitraum, und kann sich somit stärker auf Augenblicke konzentrieren und das, was unmittelbar davor, danach und danben geschah. In seinem semifiktionalen Werk sucht Couto einen kritischen Blick auf seine eigene Rolle als Kind einer weißen Kolonistenfamilie, naive Kontaktversuche zu den nahen Hausangestellten, Nachbarn und Verwandten. Seine Geschichte endet mit einer Art Auflösung. Fakten und Vorstellung vermischend, deutet Couto mögliche Ereignisse und alternative Zukünfte jenseits der offiziellen Geschichtsschreibung und Vorstellungskraft an.
Familiengeheimnisse ausgraben
Das offene Ende von Lázár verweigert sich dieser Art von Auflösung. Doch greifen beide, Mia Couto und Nelio Biedermann, auf Familiengeschichte und gelebte Erinnerung als Material für fiktive Geschichten zurück.
Sowohl der Holocaust in Europa als auch die kolonialen Massaker in Afrika sind geschichtlich dokumentiert. So dokumentiert beispielsweise Inhaminga – O último massacre von Jorge Ribeiro das Massaker von Inhaminga als Episode portugiesischer Kolonialgewalt in Mosambik.
Die Romane dokumentieren und wiederholen nicht solche Berichte, sondern erwecken die Geschichte auf eine Weise zum Leben, wie es Sachbücher nicht, oder nur für eine akademische Leserschaft leisten können.
Familiengeheimnisse auszugraben ist eine Sache, als Autor damit zu arbeiten eine andere. Beide Bücher haben uns auch emotional etwas zu erzählen. Umso mehr, wenn wir selbst Menschen kennen oder sind, die von Krieg, Vertreibung und kollektiver Schuld traumatisiert wurden. Lázár erinnerte mich auch an Geschichten, die meine Großeltern erzählten, und an die Zweifel, die bei mir als Zuhörer blieben, selbst wenn ich Fragen gestellt hatte. Was war wahr, wieviel wussten sie, und was war wichtig?
Die Lücken der Geschichte füllen
Oft haben wir gar keine andere Wahl, als die bruchstückhaften Berichte älterer Überlebender zusammenzupuzzeln, ohne Gewissheit, ob das Ergebnis der Wahrheit entspricht. Gewiss ist bloß, dass wir, mit oder ohne kritische Auseinandersetzung im Rahmen unserer Privilegien, vielleicht keine direkten Mittäter sind, wohl aber von Ungerechtigkeit profitieren. Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl individueller Ohnmacht.
Ich möchte dir Lázár definitiv zum Lesen empfehlen, insbesondere wenn deine Familie im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa gelebt hat. Als Erstes vor der eigenen Haustür zu kehren, kann helfen, Verständnis, Neugier und Gelassenheit zu entwickeln. Dadurch wiederum können wir vielleicht besser über die tagesaktuellen Nachrichtenthemen hinausblicken.
Menschen sind wichtig, auch die, die keine Weltgeschichte schreiben..
Liebe, Zärtlichkeit und satirische bürokratische Archive
Nelio Biedermann und Mia Couto ergänzen ihre ernsten Themen durch persönliche, liebevolle und humorvolle Details und spotten über Selbstüberschätzung trotz menschlicher Schwächen. Lázárs Deutschlehrer und Diogos Polizeibeamter sind bloß zwei komische Beispiele, die den erzählerischen Perspektivwechsel ad absurdum führen.
Ein rührend humorvolles Detail ist auch die Schilderung, wie der intellektuelle Vater versucht, sein Auto zu reparieren.
Auch die Liebesgeschichten sind vielleicht wenig überzeugend, aber ebenso voller komischer Aspekte.
Selbst, wenn du die Geschichte kennst und ahnst, die die Handlung ausgeht, gibt es immer einen Grund, weiterzulesen.

Ferner Beobachter
Ich hoffe, dieser Beitrag sagt nicht mehr über mich als über die Bücher. Aber wenn dem so sei, lass mich meine Perspektive verraten. Vielleicht kann ich andere in ähnlicher Lage dazu inspirieren, unwahrscheinliche Bücher mit einem offenen Geist zu entdecken und die naheliegenderen Empfehlungen kritischer zu betrachten.
Die Lektüre des Kartografen des Vergessens erinnerte mich auch an meine frühere Entdeckung von The Tiny Things are Heavier. Das Leben in Lagos, Beira oder Inhaminga kann ich mir kaum vorstellen. Von Sonny, Diogo und der Familie Lázár zu lesen, erschafft eine neue, imaginäre Welt, inspiriert von der Realität und den Erfahrungen der Protagonisten, vermischt mit meinem eigenen Hintergrund. Und der steht Lázár in Europa weitaus näher als Diogo in Afrika.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob dieser Artikel gut zu lesen ist, aber ich bin mir sicher, dass es noch eine potenzielle Leserschaft gibt, die das eine Buch mochte und vom anderen bisher noch nichts gehört hatte.



