The Dream Hotel by Laila Lalami: book cover and orange lamp on a glass table near a sinister woodcarving to illustrate my personal review of this novel.Das Buch beginnt wie eine Kurzgeschichte, ein Erwachen in einer unerwarteten Situation. Mit dem gespannten Umblättern der ersten Seite „hast du schon den allgemeinen Geschäftsbedingungen zugestimmt,“ so schreibt sinngemäß die Autorin, Laila Lalami, ihre unheimliche Einleitung. Sicherheit, Überwachung, Warten und Träume: worum geht es in diesem dystopischen Buch genau? Eine Rezension.

Das Dream Hotel als realistische Dystopie

Ich habe in diesem Blog schon einige andere dystopische und Near-Future-Fiction-Bücher besprochen und empfohlen. The Dream Hotel ist der realistischste und treffendste dystopische Roman, den ich bisher gelesen habe. Es ist nicht einfach, so eine bewegende Gesichte zu besprechen ohne bereits diskutierte Gedanken zu wiederholen oder zu viel zu verraten. Eine Triggerwarniug ist jedenfalls kein Spoiler. Wer Thriller nicht gewöhnt ist, sollte diesen vielleicht auch nicht lesen. Aber dann verpasst du seine surrealen Traumszenen, emotionale Krisen, Liebe und Freundschaft. Das klingt jetzt aber banaler als es sich liest.

Die Traumhotel-Geschichte wurde letztes Jahr zum beliebten US-Bestseller. Das Buch lässt sich auch als Kommentar der gegenwärtigen politischen Lage verstehen, wie Jasmine Mooney’s wahre Haftbefehl-Geschichte: You’re not a criminal, but you’re going to jail. (Du bist keine Verbrecherin, kommst aber trotzdem in Haft.)

Vielschichtige Ambivalenz: Was unausgesprochen bleibt

Tatsächlich hat Laila Lalami aber schon vor über zehn Jahren mit dem Schreiben von The Dream Hotel begonnen. Sie ließ es dann mehrere Jahr lang liegen, bis die Isolation während der Pandemie sie erneut inspirierte. Der unterbrochene kreative Entstehungsprozess hat dem Buch gut getan. Nun ist es vielmehr eine universelle Dystopien jenseits kurzlebiger Gegenwartsgeschichten. In meiner Buchausgabe gab es überhaupt keine Bilder, bloß die, die in meinem Kopf entstanden. Es gab noch nicht mal ein Foto der Autorin. So viel Platz für Nuancen, Interpretation und Verbindung zu eigenen Erfahrungen. Die dystopischen Details ähneln auf beunruhigende Weise denen der Wirklichkeit.

Die internationale Taschenbuchausgabe schmückt ein geheimnisvolles abstraktes Kunstwerk von David Mann. Es gefällt mir besser als urpsrüngliche, plakativere von Jack Smyth. Zahlreiche internationale Ausgaben und Übersetzungen zeigen mindestens vier verschiedene Titelbilder. Die italienische Variante erinnert an die ikonische Romanverfilmung 2001 (Odyssey im Weltraum).

Leseerlebnis und Erzählstil

Als die anfängliche Spannung von The Dream Hotel nach einem nachdenklichen Zwischenakt wieder Fahrt aufnahm, konnte ich die nächsten Seiten und die Auflösung kaum erwarten. Tatsächlich war ich etwa in der Mitte des Buchen schon enttäuscht dass es nicht noch viel länger ist als 322 Seiten (*). Ich muss aber sagen dass Laila Lalami genau die richtige Länge gefunden hat. Was unausgesprochen beliben muss, wird hoffentlich auch nicht ausführlicher von Spin-Offs, Schauspielern oder Fan-Fiction erklärt.

Video Surveillance Cameras will be used in this StationEin kleiner Schritt zwischen Normalität und Einweisung

Saras Geschichte begann mit einer ganz normalen Situation. Am Flughafen wartet sie auf das ersehnte Wiedersehen mit ihrer Familie, nachdem sie für eine Konferenz im Ausland war. Hier lernen wir Überwachung und Predictive Policing kennen, ähnlich wie wir sie üblichweise aus Gründen der Sicherheit und Bequemlichkeit auch in unserem eigenen Leben akzeptieren. Schließlich scheint es ja zu funktionieren. Niemand ist offen böse, alles folgt Verfahren, aber wir ahnen schon, wohin das führt.

Die Geschichte springt zwar in der Zeit, erzählt aber fast ausschließlich aus der Perspektive der Protagonistin, die sehnsüchtig nach Antworten sucht. Schließlich beginnt sie sich in ihre prekäre Situation zu fügen und sagt sich selbst, sie sollte dankbar sein für das wenige, was sie hat.

Nichts zu verbergen und gegeneinander ausgespielt

„Nichts zu verbergen“ zu haben wird zum Trugschluss, wenn sich das System gegen uns wendet. Transparenz wird zum Einweg-Überwachungsspiegel, der Fake offensichtlich. Irrtümer sind ein beliebtes Element dystopischer Narrative und toxischer Popkultur: Systeme sind nicht unfehlbar und Vorurteile werden schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Regeln sind oft willkürlich und ungerecht. Menschen werden bestraft weil sie anders sind und nicht in erwünschte Muster oder Geschäftsmodelle passen. Menschen werden zu illegalen Migranten oder Flüchtlingen erklärt. Der legitime Versuch, Opfer von Kriminellen zu unterscheiden und niemanden ungerecht zu bestrafen schlägt schnell in sein Gegenteil um.

Wer ist schuld, wenn normale Menschen totalitäre Systeme aufrechterhalten, indem sie bloß ihre Arbeit erledigen? Wenn es keinen offensichtlichen Bösewicht gibt? Opferbeschuldigung verwundert auch nicht mehr, das wissen wir auch ohne Buch. Wir brauchen auch keine eigene Hafterfahrung um die Unsicherheit und das Misstrauen nachzuvollziehen, dass die Insassen ihren nächsten gegenüber hegen, kennen sie deren Vergangenheit doch bloß vom Hörensagen und Gerüchten.

Wird sich mit selbstkritischer Betrachtung, Nachforschung und genauer Beobachtung das fehlende Wissen erschließen und, wichtiger noch, Sara helfen aus ihrer Situation zu entkommen?

Warum sich das Buch zu lesen lohnt

Spannung weicht vielleicht manchmal gerechtem Zorn, aber am Ende ist das ein Thriller, kein Sachbuch. Auch ohne dass Laila Lalami ein übermäßig komplexes Setting konstruieren würde, bringt der Aspekt der Träume eine zusätzliche Ebene und Mehrdeutigkeit ins Spiel. Manche Eskalation und Action-Situation mag ein wenig übertrieben scheinen, trägt aber sicher zu Tempo und Dramatik der fesselndenden Geschichte bei.

Ist The Dream Hotel schwer (auf Englisch) zu lesen?

Silhouette on book back cover of the dystopian novel The Dream Hotel

(*) Mein Buchbesprechung bezieht sich auf internationale Ausgabe von The Dream Hotel, die auf dem Foto oben zu sehen ist. Ich habe bloß ein paar Absätze als Leseprobe der deutschen Übersetzung gelesen. Das englische Original las sich flüssiger und ich fand es nicht schwer zu lesen. Wir müssen auch nicht alle unbekannten Wörter oder Details wie ein bestimmtes marokkanisches Gericht verstehen.

Als Nicht-Muttersprachler habe ich bisher noch kein einziges englischsprachiges Buch gelesen ohne nicht mindestens ein Wort nachzuschlagen.

Auch wenn es nicht nötig ist, um der Geschichte zu folgen, sind das doch zusätzliche Details, im Falle von The Dream Hotel auch zusätzlich vieldeutige. Ich war überrascht von den vielen Bedeutungen von Wörtern wie creosote, bland, snitch, giddy oder dote. Auch Worte wie litigious oder debauchery waren mir zuvor nie aufgefallen. Wie gesagt, nicht dass es wirklich wichtig ist, aber solche subtilen Details gehen beim Übersetzen verloren. Das verändert Geschichten und ihre Atmosphäre schon ein bisschen. So wie die Auswahl der Titelbilder.

Wie es sich anfühlt und duftet

Vielleicht ein ungewöhnlicher Aspekt einer Buchbesprechung, aber eine Bemerkung wert. Ich erinnere mich an ein raues Vintage-Papier das gleichzeitig brandneu war. Große Serifen-Buchstaben und ein, zumindest hierzulande, ungewöhnlich großes Hochformat trugen auch zur leichten Lesbarkeit bei. Sowohl der Duft und das Gefühl des Groschenromanpapiers als auch der Buchtitel erinnerten mich kurz an Menschen im Hotel (Grand Hotel) von Vicky Baum, ein Buch mit dem Untertitel „ein Kolportageroman mit Hintergründen“, was wiederum als „pulp novel“ ins Englische übersetzt wurde.

Wir folgen nicht nur dem Duft, sondern auch Saras Phantasie, wenn sie sich an traditionelle Marokkanische Kücher erinnert. Ich bin eigentlich kein Fan kulinarischer Literatur. Aber Lalami erwähnt Marokko nicht ohne Grund. Die Erinnerung an ihre Familie konterkarieren die strengen Gerüche und die spärliche Verpflegung in der Einrichtung. Selbst auf meinem weit entfernten komfortablen Sofa tragen solche sinnlichen Details zum Nachgeschmack bei, den das Buch bei mir hinterlassen hat.

Konsequenzen im wahren Leben

Ich war ein wenig verstört nachdem ich das Buch beiseite legte und überrascht über meine gemischten Gefühle. Letzten Endes erweckte dieses Buch Ideen und Gefühle, die in unserem Alltag allzuleicht vergessen werden. Wir können wohl kaum so tun, als hätte die Geschichte nichts mit uns zu tun. Stell dir bloß vor, wie deine eigene Lebensgeschichte ebenfalls unerwartet abbiegt in Richtung Verhör und Verhaftung anstatt zum Taxistand.

Alles, Ärger, Träume und zufällige Begegnungen, können gegen dich verwendet werden. Technischer Fortschritt hat einen Preis. Das Schicksal der Welt liegt nicht in unserer Hand. Ein bisschen Einfluss haben wir aber schon. Hast du Zeit für solche Gedanken? Was würdest du an Saras Stelle tun?

In Kürze: Laila Lalami und ihr Buch, The Dream Hotel, bieten düstere Aussichten, unterhaltsame Lektüre und eine Autorin, die sich zu entdecken lohnt!