Androgyne Modetrends wie beispielsweise transparente Stoffe oder enge, knappe und sehr figurbetonte Herrenmode, außerhalb queerer Kreise oft als unmännlich abgelehnt, wurden später als androgyne Inspiration gefeiert. Der metrosexuelle Trend mit Make-Up for Men, unter anderem vom populären Musiker Robbie Williams in die Schlagzeilen gebracht, beschränkt sich allerdings scheinbar für viele Firmen darauf, zusätzliche Kunden für ehemals nur weiblich vermarktete Produkte zu erschließen.

Ähnlich wie Diversity und Body Positivity aus Marketingsicht durch das Erscheinen eines curvy Models dunklerer Hautfarbe abgehakt zu sein scheint, sieht man(n) bei dekorativer Kosmetik inzwischen gelegentlich auch ein männliches Model das dezentes Makeup oder Lippenstift verwendet oder im Modebereich öfter als früher ein neues Schmuck- oder Kleidungsstück konsumiert.

Alternative gesellschaftliche Initiativen werden somit schnell vereinnahmt, vermarketet und sozusagen gentrifiziert, allerdings oft auf eine so plumpe Art und Weise, dass das Vorhaben nicht nur lächerlich sondern geradezu unfreiwillig komisch erscheinen mag. Dennoch ist es natürlich zu begrüßen, dass sich überhaupt etwas verändert und neue Vorbilder (Role Models) und Lebensstile angeboten und akzeptiert werden.

Gesellschaftlicher Wandel oder Pseudo-„Pinkwashing“?

Die langsame Akzeptanz vermeintlich weiblicher Modetrends für Männer und androgyner und Unisex-Looks komplettiert ohnehin eine Entwicklung die in der Vergangenheit ehemals männliche Dinge wie Hosen, Fußball oder das Bundeskanzleramt für Frauen erschloss, wo wir aber auch immer noch weit davon entfernt sind, wirkliche Gleichberechtigung zu erfahren. In den letzten Jahren hat sich seitdem zwar zwar manches gewandelt, aber weder die langjährige Bundeskanzlerin Merkel in ihren Hosenanzügen, noch die so genannten „metrosexuelle“ Fußballer (Beckham und Neymar, hier zitiert in einem Daily-Mail-Artikel), haben daran viel verändert. Auch in den 1970er und 1980er Jahren gab es feminine Männer: Rock-Musiker mit Dauerwelle, engen Jeans und Stretch-Hosen, oder Rudi Carrell, der auf manchen Bildern einen erstaunlich femininen Eindruck macht.

Mick Jagger, Rudi Carrell, David Beckham und Rockstars der Heavy-Metal-Ära

In den Chefetagen der großen Firmen sitzen oft alte weiße Männer in klassischen dunklen Anzügen mit Krawatten und weißen Oberhemden, deren klassische äußere Erscheinung genau ihrer rückwärtsgewandten Einstellung und Handlungsweise entspricht. Anzüge zu tragen ist, modisch betrachtet, Geschmackssache und kann sehr elegant und schön aussehen. Eine andere Einstellung wäre in diesem Fall sehr viel wichtiger als eine äußerliche Veränderung durch Unisex-Mode oder feminine Kleidung und Kosmetik.

Herren Mode mit Damenunterwäsche
„Herren“-Mode-Schild über Jacken und Damenunterwäsche

Abgesehen davon wäre es vermutlich auch nachhaltiger, Sakkos und Hemden aus dem Fundus früherer Konzernmanager als Second-Hand-Mode zu tragen, anstelle bei Fast-Fashion- oder auch Recycling-Öko-Modelabels eine eng anliegende vegane Kunstlederhose zu kaufen.

Body Positivity und Figurtypen

Trotz allem ist „androgynen“ und „unisex“ noch lange kein Mainstream geworden. „Männlich, weiblich, divers“ schön und gut (und schon das bringt konservative Kritiker auf die Palme, allein schon die Tatsache dass überhaupt jemand wagt zu gendern oder die üblichen Toilettenschildchen infrage zu stellen), aber selbst die vermeintlich „alternativen“ ökologischen Labels sortieren ihre Jeans-Hosen fast ausschließlich in die üblichen binären „Männer“ und „Frauen“ Kategorien, als wäre sich jeweils alle Frauen und alle Männer, trotz ihrer unterschiedlichen Körperformen gleicher und vom anderen Geschlecht unterschieden. Die Mode kennt viele Körperformen von skinny bis curvy, leptosom bis athlethisch oder eine durchschnittliche Mischung aus allem. Bekannt sind auch die Vergleiche mit Buchstaben oder Früchten: Äpfel, Birnen, Pflaumen oder A-, H- und E-Linie, die sich unabhängig vom Geschlecht sehr deutlich voneinander unterscheiden.

Figurbetonte Männermode, wo zu finden?

Es ist nicht nur Stil- und Geschmackssache, sondern auch eine gesellschaftliche und modische Entscheidung, die das Angebot im Handel bestimmt. Als schlanker Mann in der Provinz eine enge Hose zu kaufen war praktisch unmöglich. In der Großstadt gehe ich zu Boggi Milano, auf dem Land gibt es Herrenhosen nur in Bauchgrößen ab Bundweite 32 Zoll aufwärts. Leute, was soll das? Vermutlich sind nur deshalb weite Retro-Hosen aus dem Second-Hand-Shop oder aus dem Jogginghosen-Fitness-Wellness-Sortiment inzwischen so populär geworden, weil es kaum figurbetonte Mode gibt, die tatsächlich irgendjemanden passt? „Skinny Jeans“ für Männer saßen an meinen Waden unangenehm eng, aber unvorteilhaft baggy am Po oder machen ihn so flach als wäre ich eine eckige Spielzeugfigur.

Fast Fashion, Sexismus, Ageismus und andere Modesünden

Zu Fast Fashion kommen Sexismus und Ageism: eine „Jeans-Kaufberatung für Männer über 30“ mag gut gemeint sein, aber in der vorliegenden Form steckt sie die Menschen doch unnötig stark in Schubladen. Die weitere Recherche ergänzt Variationen im Detail, aber eine unpersönliche Modeberatung funktioniert vermutlich nur durch Vereinfachung.

Ökologisch-faire Alternativen?

Abgesehen von Stil und Rollenspiel bleibt aber noch ein anderes Problem: knappe und transparente Unterwäsche, besonders solche für Männer, die ohnehin schon selten ist, aus nachhaltig ökologischer und fairer Produktion? Populäre alternative Läden konzentrieren sich oft auf zeitlose Basics und bequeme Wäsche aus unbehandeltem Material, was ja grundsätzlich sehr richtig ist, jedoch fehlt dann die natürliche Bezugsquelle, wenn mal ein knapperes Teil gefragt ist. Hier hilft auch kein Second-Hand und keine Damenmode, vielleicht aber Nachfragen bei den Modemacher:innen und Artikel wie dieser.

P.S. Nebenwirkungen der Lingerie-Recherche

Wenn ich im Internet von Werbebannern überrascht werde, die halb nackte Menschen in Badeshorts (auch nicht immer „safe for work“) oder Tanga-Höschen zeigt, und erschrocken befürchte, nach einer kurzen Recherche in einschlägigen Online-Shops mal wieder monatelang von auffälligen Anzeigen verfolgt zu werden, dann ist es manchmal nur eine Urlaubs-Werbebanner, das selbst mit gelöschten Cookies und anonymsten Datenschutzeinstellungen überall aufpoppt. Eine Werbung, die vermutlich nur deswegen nicht als sexistisch gestoppt wurde, weil es sich bei der gezeigten Strandfigur tatsächlich um einen Mann handelt und oder weil String-Tangas an sich inzwischen als ganz normal akzeptiert wurden — außer, wenn es sich um einen Mann handelt. Was erlaubt oder unerwünscht ist, erschließt sich vielen immer weniger, zumal in Zeiten gesellschaftlicher Polarisation zwischen Awareness, Backlash und Doppelmoral. Körperpositiv, sexy oder sexistisch ist eben nicht immer einfach einzuordnen.