Wandteppich und Foto der Künstlerin auf einer Ausstellung
Gewebter Wandteppich von Lise Gujer

Was hat ein trditionelles Handwerk mit digitalem Design und Webentwicklung gemeinsam? Wie beeinflusst Technologie die Technik und den kreativen Prozess? Diese Fragen gingen mir durch denk Kopf beim betrachten zweier unterschiedliche Umsetzungen derselben Bildidee durch dieselbe Künstlerin, Lise Gujer, zu sehen im Brücke-Museum Berlin, und innovativer Textildesgin-Ideen an der Kunsthochschule Weissensee ebenfalls in Berlin. Zwar gelten nicht genau dieselben Rahmenbedingungen für Weberei, Textil- und Webdesign, aber sie arbeiten alle mit einer eingeschränkten Farbpalette und einer rechtwinklingen Basis, auf der farbenfrohe Bilder entstehen. Darum fühlte es sich für mich als Webentwickler so vertraut an.

Webfarben und ihre Bedeutung

Webfarben können Farben im Web, also im Internet sein, oder in der Weberei. Die zweite Bedeutung ist inzwischen seltener. Grünes Gras lässt auf gute Ernte hoffen, rotes Blut fließt durch unsere Adern, und rote Ampeln bedeuten fast überall, bitte anhalten! Reife rote Beeren fallen immer auf, seien sie nun lecker oder giftig. Farben sind keine universellen Zeichen. Ihre Bedeutung ist abhängig von Kultur und Kontext. Frag also nicht, was Farben bedeuten, sondern was sie für dich und dein Publikum bedeuten!

Materielle und virtuelle Farbbeschränkungen

Faben sind Materialien beim Weben und im Textildesign. Lieferengpässe oder auch ökologische Bedenken können die Auswahl der Farbe im Textildesign einschränken. Im Gegensatz dazu bestehen Websites buchstäblich aus Licht und Ideen. Markenidentität und barrierefreie Farbkontraste beeinflussen heutzutage unsere digitale Farbauswahl. Früher waren es technische Grenzen der Geräte, die Webentwickler auf eine web-sichere Farbpalette beschränkten. Einige Grundfarben hatten lebhafte Namen wie Fuchsia oder Aqua, spätere Erweiterungen brachten Namen wie Lemonchiffon (Zitronen-Chiffon), Kornblumenblau oder Peachpuff (Pfirsich-Blätterteiggebäck).

Rahmenbedingungen regen also oft die Kreativität an.

Farb-Innovatoren verschiedener Art

Web-Gewebe, Moos und Pilze
Mycocolors von Birke Weber

In der dinglichen Welt erfanden Innovator:innen wie Birke Weber neuartige biologische Pilzfarben. Jasmin Sermonet veränderte Webmaschinen als Hardware-Hackerin (Hacking Textile Tools). Ein Projekt namens Urban Fibers sammelte entsorgte Textilien von den Berliner Straßen und webte daraus recycletes Garn. Alle drei Projekte waren 2024 beim Graduierten-Rundgang der Kunsthochschule Weissensee zu sehen.

Mehr oder weniger Webfarben

Es hat einige Zeit gedauert um diese Inspirationen als Artikel zu verarbeiten. Aktuell freue ich mich eine andere anstehende Farb-Innovation, die in meinem Fachgebiet sehnlichst erwartet wird. In den letzten Jahren wurden Style Sheets (CSS) über die bis dahin möglichen 16,7 Millionen um noch mehr neue und buntere Webfarben erweitert. Gleichzeitig reduzierte sich die praktisch verfügbare Farbauswahl durch die Anforderungen an Farbkontraste durch das Barrierefreiheits-Stärkungs-Gesetz. Nicht alle Webdesigner und Entwickler waren freute diese Entwicklung.

Farbkontraste folgten keine einheitlichen Wahrnehmung

Allerdings erzwangen diese Regelungen veraltete mathematische Modelle, die menschliche Wahrnehmung nicht exakt nachbildeten. Die bestehenden Instrumente gewichteten Farbkontrast innerhalb des aus rot, grün und blau gemischten RGB-Farbraums. Ihnen fehlte die Einheitlichkeit der Wahrnehmung, die der der meisten Menschen entspricht.

Aktualisierter Kontrast-Algorithmus für Barrierefreiheit

Alpaka
Alpaka, neues Maskottchen der Barrierefreiheit?

Der neue Advanced Perceptual Contrast Algorithm (APCA) entspricht mehr der menschlichen Wahrnehmung. Ziel des neuen Algorithmus ist es, der menschlichen Wahrnehmung so genau zu entsprechen, dass er sich richtig anfühlt und wir nicht mehr länger mit Kunden über Standards diskutieren müssen, die wir ohnehin nicht aus ganzem Herzen unterstützen. Die Berliner Data-Visualization-Expertin Lisa Charlotte Muth hat bereits einen exzellenten Artikel über die technischen Details und Implikationen von APCA und WCAG 3.0 Farbkontrasten in der Praxis geschrieben. Der Tailwind-Design-Engineer Dan Hollick schrieb ebenfalls über WCAG 3 und APCA. Mein Dank gilt aber auch dem Organisator des CSS Café-Online-Meetups und Freelance-Webentwickler-Kollegen, Christian Schäfer (Schepp), dafür, dass er mich auf diese wichtige Neuerung aufmerksam machte.

APCA, das Alpaka-Akronym

Ich erspare euch weitere kryptische Akronyme und zeige stattdessen ein Tier namens Alpaka. Wenn ihr noch einmal irgendwo „APCA“ hört oder lest, dann denkt einfach an das süße fellige Tier. Dann werdet ihr nie wieder die richtige Reihenfolge der Buchstaben vergessen. APCA klingt sogar ein bisschen wie Alpaka. Denkt bloß dran, dass das (noch) nicht die offizielle Aussprache ist.

Zeitlose Farbdesignprinzipien

Laptop und Hand mit Computermaus auf einem Webteppich als Symbol der Parallelen zwischen Weben und Webfarben im Webdesign
Web und Weberei: Webentwickler-Laptop auf einem gewebten Teppich.

Es gibt grundlegende Designprinzipien die gut gealtert sind, beispielsweise Verteilen von Farbpaletten mit etwa  60% der Fläche in der Primärfarbe, weiteren 30 in der sekundären, und nur 10% mit Akzentfarbe. Auch Klischees der Farbpsychologie funktionieren in vielen Situationen: rot für Alarm und dringende Calls-to-Action, blau für Ruhe, Ernst und Finanzen usw.

Bei einer ausreichenden Besucherzahl können wir mithilfe von A/B-Tests unsere Vermutungen und Designideen mit messbaren Zahlen verifizieren.

Trends und Markenfarben entziehen sich normalerweise unserem Einfluss, aber wie wir schon gesehen haben, ist Farbkontrast inzwischen gesetzlich verpflichtend. Trotzdem ist es immer noch rechtzlich zulässig allein mithilfe von Farbe Bedeutungen zu vermitteln. Das sollten wir natürlich nicht tun.

Welche Webfarben sind am barrierefreiesten?

Es gibt nur zwei Farben, die safe die barrierefreieste Farbkombination ergeben, und die sind gar keine „echten Farben“ im eigentlichen Sinne, sondern Graustufen: schwarz und weiß. Warum? Nicht jede:r nimmt die sichtbare Welt auf die gleiche Weise wahr. Manche divergenten Wahrnehmungsweisen haben sogar eigene Bezeichnungen wie dichromatisches Farbsehen, besser bekannt als Rot-Grün-Blindheit.

Sogar dieselben Personen erleben dieselben Markenfarben nicht genau gleich auf unterschiedlichen Geräten, Bildschirmen, Beleuchtungen oder mit verschiedenen Brillen. Technisch gesehen sollten wir Farben als Bonus, nicht als Basis betrachten.

Make it Right in Black and White

Ich habe hier ja schon über Seitenlayout geschrieben. Außer durch Markendesign und Barrierefreiheits-Vorgaben ist die künstlerische Freiheit weiter eingeschränkt durch Werbung und unästhetische fachliche Vorgaben. Aber zusammen können Farben, Formen und Text jedenfalls ausreichend redundant sein, damit eine Website ihre Botschaft und Funktionalität inklusiv allen vermittelt. Egal wie sie Farben sehen oder ob überhaupt. Barrierefreiheit definiert nützliche Rahmenbedingungen. Kreatives Design entwicklelt in diesem Rahmen attraktive interaktive Lösungen. Digitale Kreation hat viel mehr mit traditionellem Handwerk gemeinsam als  es auf den ersten Blick erscheint.

Weitere Parallelen und Unterschiede

Traditioneller Holzwebstuhl und zwei Wandbilder desselben Motvs in einer alten Leinen- und einer farbenfrohen expressionistischen modernen Version rechts daneben.
Leinen-Look und eine expressionistische Farbvariante desselben Bildes von Lise Gujer im Berliner Brücke-Museum.

Die Parallelen werden offensichtlich wenn Web-Werke ihre zugrundeliegende Struktur offenbaren, die runde Formen in ein eckiges Gitter abstrahiert. Lise Gujers Zusammenarbeit mit ihren Kunden und ihrem künstlerischen Partner Kirchner erinnerte mich an meine eigene Arbeitsweise als Webentwickler: Ideen entwickeln, verfeinern und im Rahmen der technischen Möglichkeiten umsetzen. Kirchner hat oft nur sehr grobe Skizzen geliefert, ergänzt um farbige Fäden oder Markierungen. Gujer erweckte diese Skizzen zum Leben. Konsequenterweise nannte Kircher ihre Webkunst „eine neue Art der Malerei.“

Webfarben und Web-Farben: Material vs. Anwendung

Webfarben, Webfäden und Webdesign weisen einige Parallelen auf. Was Weberei angeht, kann ich leider keine konkreten Farben und Fäden empfehlen. Aber mit Farben fürs Web kenne ich mich aus. In beiden Fällen kommt es nicht nur auf das Material an, sondern auch um die Anwendung. Als Lise Gujer Jahrzehnte später eine neue Version einer ihrer ersten Arbeiten webte, wählte sie strahlendere Faben, inspiriert von ihrer Peru-Reise und näher an Kirchners expressionistischer Palette. Außerdem wusste sie inzwischen zu verhindern, dass die durchscheinenden hellen Kettfäden das Bild verblassen lassen.

Webrahmen with Muster, Kettfäden, Schussfäden und Schmetterling als Symbol unvollendeter Arbeit
Unvollendeter schöpferischer Prozess: teilweise mit Schussfäden gefüllte Kettfäden in einem hölzernen Webrahmen.

Diese neuere Version ist auch nicht mehr ganz neu. Aber in meinen Augen erinnert sie dennoch an leuchtende digitale Kunst. Starken Farbkontrast lässt sie jedenfalls nicht vemissen.

Real-Life Crafts and Colors

Begegnungen im echten Leben werden zunehmend wertvoller, auch Gegenbewegung zur beschleunigten Automatisierung und qualititiv minderwertiger KI-Assistenten. In letzter Zeit habe ich zahlreiche Konferenzen und Meetups wie die Beyond Tellerrand besucht. Veranstaltungen und Ausstellungen wie die im Brücke-Museum in Berlin ergänzen ein ansonsten vorwiegend visuelles Erlebnis um haptische Eindrücke, Gerüche und Bewegung.

Vor den Webstücken an der Wand steht ein hölzerner Webstuhl. Vielleicht derselbe oder ein ähnlicher wie der, auf dem die farbenfrohen Kunstwerke entstanden. Dem Museum ist es gut gelungen, geschichtliche Werkzeuge nicht zu zeigen sondern im Mitmachbereich zum Begreifen einzuladen.

Kett- und Schussfäden zählten wahrscheinlich zu den Fachbegriffen und Konzepten, von denen die damlige Kundschaft weder gehört hatte noch etwas wissen wollte. Ähnlich wie  die heutigen Kunden bloß wollen, dass Websites gut funktionieren und ihre Farbgebung anspricht.

Einschränkung als Inspiration

Am Ende kommt es meistens gar nicht so sehr daruaf an ob wir mit 16 oder mit 16 Millionen Farben arbeiten. Angewandte Kunst, Handwerk, und nachhaltig elegantes Webdesign bedeuten schließlich auch im eingeschränkten Rahmen etwas spannendes zu erschaffen.