Friedhöfe sind Orte, die sich teilweise dem schnelllebigen Alltag entziehen.

Friedhöfe sind oft große Parks, die sich über Jahrhunderte entwickeln und oft in zentraler Lage teurer Großstädte weitläufige Flächen der Ruhe, Besinnung und Begegnung schaffen, oft mit uralten Bäumen und verfallenen Grabstätten, deren dunkle Geheimnisse die Fantasie anregen. Das deutsche Wort klingt wörtlich nach einem Ort des Friedens, und das sagt schon fast alles.

Prunkvolles Grab in Berlin-Kreuzberg
Prunkvolles Grab in Berlin-Kreuzberg

Die Moderne macht nicht völlig Halt vor dem Alten. Verstreute Asche auf natürlichen Wiesen und in Waldstücken zeigt die Sehnsucht nach Naturnähe und die Spiritualität jenseits religiöser Traditionen. Prunkvolle Gräber der Reichen zeigen, wie auch gesellschaftliche Erwartungen und Status oft das Leben der Einzelnen überdauern.

Die Moderne zeigt sich auch in Menschen mit Handys, die im Friedhofscafé telefonieren, dort am Laptop arbeiten oder die, wie ich, versuchen, mit der Handykamera zu fotografieren. Der Versuch lehrt uns auch, wie vieles dieser Welt im Diesseits und Jenseits sich unserer modernen Technik entzieht. Überhaupt ist die Fotografie nicht dazu geeignet, die Realität objektiv darzustellen. Auch mit geschickt gewähltem Bildausschnitt, Belichtung und dem richtigen Zeitpunkt bleibt die Unzulänglichkeit einer technischen Momentaufnahme, der Details entgehen, die die menschlichen Sinne wahrnehmen oder ergänzen. Darum gibt es trotz analoger und digitaler Fototechnik noch Malerei und bildende Kunst, aber dennoch gibt es auch immer wieder mal laienhafte Schnappschüsse, die etwas zu erzählen haben.

Trauer und Gedenken brauchen keine Gräber

Dass mich Friedhöfe faszinieren, seit ich in der Großstadt lebe, hat auch mit deren Kultur zu tun. Dass mich Friedhöfe überhaupt mehr als früher interessieren, hat auch mit der Vergänglichkeit zu tun. Je älter wir werden, umso öfter haben wir mit dem Tod zu tun gehabt, und irgendwann hat unsere eigene letzte Stunde geschlagen. Es braucht keine Gräber, um zu trauern, zu erinnern und sich mit der Vergänglichkeit zu befassen. Was bringt der Stein, wenn Heimat und Familie durch Flucht oder Umzug an viele verschiedene Orte verstreut wurden? Großstadtfriedhöfe sind aber nicht nur Ruhestätten und Parks, sondern auch Denkmäler, zu denen Menschen pilgern, um inspirierenden Berühmtheiten die Ehre zu erweisen.

Gruselig ist dann erst der Preis für zwei Tassen Kaffee und ein Stück süßen Kuchen im Friedhofscafe.

Grabstein, Blumen, blühende Büsche, Wohnhäuse
Ehemaliger Friedhof am Tempelhofer Feld

Leben, Tod und Hoffnung

Trauer und „tanzen, auch auf Gräbern“, wie der Liedermacher Westernhagen sang, schließen sich nicht aus. Wiedergeburt gibt es zumindest gemeinschaftlich: immer wieder wird ein neuer Mensch geboren. Hoffnung und die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit trotz allem ungerechten Leids, des Schicksals und des Zufalls, aber auch des Krieges, und dann bleibt immerhin ein Grabstein als Denkmal oder Stolpersteine in der Stadt, damit wir nicht vergessen, für eine bessere Welt zu kämpfen, wenn wir können.

Brachen, Parks und Friedhöfe entziehen sich der intensiven Nutzungslogik. Keine Landwirtschaft, keine Hobbygärtnerei, keine Gastronomie und keine Wohnungen. Aber Lebensraum! Hier wachsen Pflanzen, leben Tiere und manchmal wohnen auch Menschen dort oder halten sich gerne länger dort auf, zumal ihnen sonst immer weniger Lebensraum gelassen wird. Obdachlose zelten lieber unter Brücken, weil es dort nicht regnet, und zum Drogenkonsum scheint eine abgelegene Friedhofsecke wohl passender als ein Spielplatz und angenehmer als einer der wenigen offiziellen Konsumräume.

Auch die Religion stellt sich der Hektik und dem Druck der Leistungs- und Konsumgesellschaft entgegen. Auf Leid und Ungerechtigkeit haben auch die Religionen zwar keine überzeugenden Antworten, aber immerhin handeln sie, helfen Menschen, die ansonsten vielfach verdrängt und vergessen werden, und Kirchen, Moscheen und Friedhöfe bleiben Orte, die sich der Hektik und dem Leistungsdruck des modernen Alltagslebens ein Stück weit entziehen.

Vom Klischee zur unerwarteten Beobachtung

Wenn ich die Ästhetik der Vergänglichkeit mit rostigen schmiedeeisernen Zäunen, Spinnennetz und verfallenen Steinen zeigen will, dann ignoriere ich einen übervollen Mülleimer oder spare solche kritischen Bilder für eine spätere Serie, wo es besser passt. Aber auf der Suche nach einer passenden Position für ein Foto, das meinen Ideen entspricht, entdecke ich vielleicht noch ganz andere Details, die mir sonst entgangen wären. Schmetterlinge, Grashüpfer, Eichhörnchen , Kastanien oder ein ungewöhnlicher unbeachteter Grabstein

Eichhörnchen auf dem Friedhof (Cemetery Squirrel) Berlin 2026
Eichhörnchen auf dem Friedhof

Die Auswahl meiner Fotografien zeigt, was ich dort sah und festhalten wollte, auch beeinflusst von Bildern, Geschichten und Gedanken, die meinen Blick prägten. Was du wiederum in meinen Bildern siehst und entdeckst, mag letztlich wieder was anderes sein.

Authentische Momentaufnahmen

Das sind meist Fotografien, die nebenbei entstehen, wie Notizen von Ideen auf Spaziergängen und Reisen: Nachdem ich mir zeitweise viele Gedanken und Arbeit mit dem Schreiben gemacht habe, wird es hier in Zukunft wieder mehr Artikel wie diese geben, auch wenn weder der Text noch die Bilder die Welt verändern werden. So wie hier: Wer genau hinsieht, erkennt ein Eichhörnchen mit einer großen Nuss im Mund. Später sah ich, wie sich eine Katze an das Eichhörnchen heranschlich und es ausdauernd verfolgte, während jenes flinke Haken schlug und schließlich auf einem Baum verschwand.

Überwucherte Grabstätten, zerstörte Mauern, und die geheimnisvolle Statue der verschleierten Dame:

Einen weniger bekannten, faszinierenden Friedhof entdeckte ich auf einer Wanderung auf der Isle of Skye auf einer Schottlandreise kurz vor dem Brexit, ein verfallener Lost Place nebst Ruinen eines verlassenen Dorfs in einem einsamen Tal. Ironischerweise wurde die Idylle konkret gestört durch zwei tieffliegende Militärflugzeuge und zusätzlich überschattet durch die Furcht vor einem Unwetter, vor dessen Ankunft wir möglicherweise nicht schnell genug das Tal verlassen hätten.

Ich bin auch ein Freund der Kontraste. Als kritische Fotografie gelobt, aber oft verständnislos kopfschüttelnd abgetan werden meine Fotos von Fabriken oder Mülleimern unweit schöner Grabstätten oder etablierter Sehenswürdigkeiten. Die Fabrik im Hintergrund der Necropolis von Glasgow hat vermutlich mit den Brauereien in unmittelbarer Nähe des beliebten Friedhofs zu tun.

Bier für die Toten

Das Bier für die Toten hat immerhin eine durchaus spirituelle Seite. Hier hat jemand der steinernen Statue eines Heiligen, der sich an einem Grabeskreuz festhält, eine Bierflasche in den Arm gelegt. Die symbolische Opfergabe an die Toten kommt materiell zu spät, das Bier muss zu Lebzeiten getrunken werden, so wie die kulinarischen Opfergaben, die in Südamerika beim Tag der Toten an einem wohl noch sommerlich milden Allerseelen-Feiertag gemeinsam genossen werden. Auch die Bierflasche war schon wieder verschwunden, als ich später noch einmal an derselben Stelle vorbeikam.

Die Zeit vom Geburts- zum Todestag ist eine Rechenaufgabe, deren Ergebnis manchmal traurig macht. Andere Grabsteine künden von Dankbarkeit und erfülltem Leben, noch andere bringen mit lustigen Namen zum Schmunzeln.

All das ging mir durch den Kopf, als ich über den Friedhof spazierte. Wenn wir Friedhöfe fotografieren, können wir ein Stück dieser Erinnerung weitergeben und andere dazu anregen, besinnliche Orte aufzusuchen. Das Handy bleibt dabei meistens in der Tasche, ebenso mein Notizbuch. Aber spätestens im belebten Friedhofscafé kommt es dann doch wieder auf den Tisch. Tatsächlich sind verschiedene Friedhöfe sehr unterschiedlich. Meine Fotografien sind im Laufe mehrerer Jahre auf verschiedenen Friedhöfen in mehreren verschiedenen Städten entstanden, unter anderem in Berlin und Glasgow.