
Im Radio und im Internet ist es egal, ob du ein Mensch oder eine Katze bist. So hieß es jedenfalls in den guten alten Zeiten, als es noch keine digitalen Bots gab. Noch früher waren Tischkritzeleien quasi unser Internet, zwischendurch war es, zumindest laut einem ZEIT-Artikel, der Interrail-Pass, eine Flatrate-Bahnfahrkarte, die jungen Menschen das Reisen erleichterte und internationale Kontakte förderte. Auch dort blieben viele Begegnungen ähnlich flüchtig und fern wie Brieffreundschaften und Internetforen. Aber immerhin in echt. Die Gefahren spontaner Kontakte mit geheimnisvollen Fremden thematisieren viele Krimis und Thriller zurecht. Vielleicht waren wir vorsichtig genug oder wir hatten einfach viel Glück.
Als mein Lehrer unseren Tisch las, während ich vorne referierte, war das weniger indiskret als es sich damals anfühlte. Tischkritzeleien sind eher 1 offener Brief als ein privates Tagebuch. Doch schrieb ich damals über Wochen mit einer persönlich unbekannt gebliebenen Person vor allem über ihn, seinen Unterricht, und seine aus- und abschweifenden Redebeiträge. Musikliebhaber, Plattensammler, Autodidakt der englischen Sprache, Mainsplainer, Alltagsphilosoph und überzeugter Sozialdemokrat: eine kontroverse Gestalt, die mich inspirierte, und an dessen Stimme ich später oft denken musste, wenn ich dem Radio-DJ Klaus Fiehe zuhörte.
Kleines Publikum, große Wirkung
Öffentliche Varianten der diskreten Kritzelbotschaften sind Wandtafeln, deren ausklappbare Bereiche versteckte Botschaften geradezu anziehen. So wie im Buch und Film „(Am kürzeren Ende der) Sonnenallee“ nur 1 Buchstabe die Parole „Die Partei ist die Vorhut der Arbeiterklasse“ zur anzüglichen Vorhaut veralbert. In einer Diktatur kann so ein subversives Wortspiel Karrieren kosten. Als Westdeutsche mit Verwandten im Osten sahen wir Weltgeschichte live entstehen. Meine Brieffreundin im Spreewald kannte ich wiederum nur über eine kleine Zeitungsanzeige. Nach nur wenigen Briefen und einem Telefonat zwischen unseren Eltern erlaubten meine mir, noch ein Teenager, kurz nach der Wende den Zug ostwärts zu nehmen. Nicht das einzige Mal in meinem Leben, dass ich Menschen schrieb und vertraute, bevor ich ihnen im echten Leben begegnete.
Wenn dein Gesprächspartner kein Mensch mehr ist

Claude, Mistral and Chatty (GPT) erinnern mich dagegen eher an die verstörenden Psycho-Thriller-Phänomene wie Chucky, Ghost in the Shell oder Das offene Ohr in John Brunner’s Shockwellenreiter. Gruselige Science-Fiction ambivalent zwischen Dystopie und Hoffnung auf Gemeinschaft und Verbundenheit. Die hoffnung eines einsamen, gelangweilten Kindes, das sich wie E.T. der Außerirdische auf einem falschen Planeten oder einer einsamen Insel gestrandet fühlt.
Algorithmen und KI wurden zu unseren unheimlichen Ghostwritern: Selbst wenn du mit einem echten Menschen sprichst und schreibst, wie viele ihrer Worte und Gedanken wurden von einer Maschine geschrieben oder gesteuert?
Straftaten, Scherze und Identitätsbetrug waren auch ohne Internet möglich. Aber alle Akteure waren noch Menschen. Digitale Bots existierten damals einfach noch nicht. Personas allerdings schon. Wenn du mit deinem Hund, Teddybär oder Gummientchen redetest, fand der Dialog in deinem Kopf statt. Snoopy, Calvin und Hobbes, Winnie Pooh, Paddington, und wahrscheinlich auch Night Rider waren populäre Prototypen von imaginärer Freundschaft.
Die Diskussion mit einer Gummiente hat sich tatsächlich als beliebte Strategie zur Fehlersuche erwiesen, und „Rubber Duck Debugging“ ist immer noch eine erfolgreiche Alternative zu übermäßigem KI-Missbrauch.
Fankunst und Fandom jenseits imaginärer Freundschaft
Fandom ist nicht dasselbe wie imaginary Freundschaft, aber beide haben etwas gemeinsam.

Über die emotionale und intellektuelle Verbindung zu einem Liedermacher, Autor oder ihren literarischen Geschöpfen kann Fandom Fremde verbinden und kreativ inspirieren. Ich erinnere mich noch gut an naive Fankunst, Kinderzeichnungen ähnlicher als künstlerischem Plagiat, gezeichnet auf Briefumschlägen oder Postkarten, und gelegentlich verschicke ich wieder Postcrossing-Postkarten. Mit Postcrossing gibt es noch ein paar mehr zufällige kleine Überraschungsmomente. Und es ist fast überall möglich, für den Preis einer Briefmarke und einer Postkarte.
Ein Paradox der Realität
Denn Begegnungen im echten Leben, wie Workshops, Meetups und Festivals, funktionieren meist nur an interessanten und diversen Orten; ansonsten kann es schwer bis unmöglich sein, inspirierende Menschen und Vorbilder dann und dort zu treffen, wohin dich das Leben gerade verschlagen hat. Hörst du Aretha Franklin singen: „Love the One You’re With“, mag das dazu inspirieren, unterschätzte Nachbarn (neu) zu entdecken, wie in den romantischen Komödienfilmen von Lubitsch (The Shop Around the Corner) und Nora Ephron (E-Mail für dich). Es könnte aber auch dazu führen, dass du dich ausgerechnet an die Situation bindest, die dich einengt, anstatt aufzubegehren, und aufzubrechen, um Besseres zu entdecken.
Was Menschen in Großstädte zieht
Darum bin ich nach Berlin gezogen. Haha, seht mich an, was bin ich doch für ein Rebell!

Aber ernsthaft, welchen Unterschied es macht, hier und nicht dort zu sein, frage ich mich erst dann, wenn ich wieder in meiner alten Heimat bin. Wir gewöhnen uns zu schnell an nur scheinbar Selbstverständliches. I spotte zwar über die Nostalgie junger Hipster, die sich einen Schnurrbart wachsen lassen und rauchend in Bars sitzen, aber du hättest mich sehen sollen, als ich diese Sonderausgabe von Urmel aus dem Eis entdeckte. Ein sonderbares Kinderbuch, dessen Ruhm ich mir eigentlich ausschließlich mit im Fernsehen ausgestrahlten Marionettentheater erklären kann, dass damals alle begeisterte.
Auf dem Bild stehe ich neben einem gemeinnützigen Büchertauschschrank, direkt vor einem Second-Hand-Kleidungsgeschäft und einem Plattenlader der echte Vinylschallplatten verkauft und echte Musikerinnen und Musiker zu kleinen Konzerten und Autogrammstunden einlädt. Live-Musik-Bars gibt es gleich nebenan.
Man könnte sagen, wir sollten unsere Zeit und Energie besser darauf konzentrieren, die Welt zu verbessern.
Aber ich denke, in gewisser Hinsicht tun wir genau das. I habe für geringes Geld in einem Krankenhaus gearbeitet, vor langer Zeit, anstelle von Militärdienst. I stand sehr früh auf, pflegte die Alten und erledigte viel Drecksarbeit. Als nicht ausgebildeter Plegehelfer hatte ich außerdem mehr Zeit zum Zuhören, Reden und gemeinsame Zeit zu verbringen. Das war wichtig für sie. Und wichtig für mich. Auch wenn trotzdem immer noch irgendwo Krieg herrscht.
Jetzt habe ich einen einigermaßen kreativen, intellektuellen Beruf als Hersteller und Pfleger von Websites. Ich bin immer noch eine Art Geschichtenerzähler und Kommunikator, und mache jetzt Drecksarbeit im übertragenen Sinne.
Außerdem verbringe oder verschwende ich nicht allzuviel Zeit mit dem Schreiben von Artikeln wie diesem oder mit Abhängen an Hipster-Orten.
Ist Authentizität überbewertet?
Worauf will dieser Artikel überhaupt hinaus? Ehrlich gesagt habe ich spontant angefangen zu kritzeln, inspiriert von der Erinnerung an meinen alten Lehrer, an die Notizen auf dem Schultisch und an die Reise zu meiner Brieffreundin als Teenager. Ich erinnerte mich auch daran, wie skeptisch mein Vater auf meine kreativen und sozialen Ambitionen reagierte. Er selbst hatte sich für eine Karriere entschieden, nicht für seinen Traum, als Ingenieur in Südamerika oder in Afrika Brücken zu bauen, inspiriert von einem Film über Albert Schweitzer.

Was können wir aus unserer Erfahrung mit analoger Kommunikation für die heutige Zeit lernen, mit allgegenwärtigem AI Slop, „alternativen Fakten“ und einer Generation die ohne eine einzige Sekunde der Langeweile aufwächst?
Langeweile ist unterschätzt. Zufall auch. Aber Authentizität?
Authentizität ist großartig. Authentische Erfahrungen im wahren Leben sind voller verschiedener Details, erreichen viele Sinne zugleich und hinterlassen einen entsprechend starken Eindruck. Sie eröffnet auch einen großen Interpretationsspielraum. Was wir als Realität wahrnehmen ist schließlich bloß ein Abbild der wahren ontologischen Realität. Was wissenschaftlicher Konstruktivistmus, Philosophie und Buddhismus lehren, ist, einfach gesagt, Geist über Materie: Die Essenz geht der Existenz voraus. Während der Materialismus sagt, wir müssen essen um zu überleben. Beides stimmt. Kreative brauchen eine physische Welt zum Leben. Wir alle brauchen eine physische Welt zum Leben.
Zufälligerweise gibt es einen Aufzug, der sowohl zu meinem Fitnessstudio als auch zu meiner Stadtteilbücherei führt. Hier stehe ich in meinem Großstadtkiez und posiere vor einem Werbeplakat für die Helene-Nathan-Bibliothek in Neukölln, mit einem scheinbar unwahrscheinlichen männlichen Model mit grauem Haar und einer schwarzen Lederjacke. Überhaupt kein unwahrscheinlicher Anblick, weder im Gym noch in der Bücherei.
Wird Berlin überschätz?
Als spät nach Berlin zugezogener habe ich die „guten alten Zeiten“ verpasst, denen viele hinterhertrauern, besonders die „arm aber sexy“ und kreativen Zeit voller Chaos und leer stehenden Gebäuden direkt nach dem Mauerfall, als die Gentrifizierung gerade erst begnn. Das Narrativ vergangener guter alter Zeiten ist kein spezielles Berlin-Phänomen, ganz klar. Ich habe das in Kaschmir gehört, am Nordkap und praktisch an jedem Ort dieser Welt, der für irgendetwas berühnt ist. Berlin ist nicht mehr billig, immer noch dreckig, und immer noch billiger als viele vergleichbare Großstädte.
Offenheit, Toleranz und Vielfalt entstehen aber nicht zwangsläufig durch eine ausreichend große Anzahl an Menschen. München ist nur ein Gegenbeispiel, aber einige Berliner bemühen sich sehr, Berlin ebenfalls seinem eigenen Gegenbeispiel umzugestalten.
Obdachlose halten sich oft auf dem Platz mit dem Büchertauschschrank auf, unweit zweier Cafés und weiterer Bars. Manche lesen in den Büchern , andere unterhalten sich oder betteln um Geld, um sich ein billiges Supermarkt-Bier zu leisten. Die Drinks in den Bars kommen nicht infrage. Zerlumpte Bettle, kinky Queers und verschleierte arabische Mütter teilen denselben Platz und tolerieren einander offensichtlich. Wenn Münchner Musikjournalisten in ihren Büros schreiben, „Berlin sei so over,“ würden sie „höchstens so viel erzielen, wie ein Hund der gegen Bäume pisst,“ um einen Deutschen Punk-Klassiker zu zitieren, gesungen von den Toten Hosen aus Düsseldorf, meiner alten Heimat.
Hier gibt es Bücher, Plakate und Graffiti. Menschen reden miteinander und andere können ihnen dabei zuhören.
Die Welt braucht kein Berlin, aber die Welt braucht Orte wie unsere Nachbarschaft, wo Menschen und ihre Ideen sich treffen und einander inspirieren.
P.S. Bildquellen und Originalnotizen
P.S. Das Titelbild mit der geisterhaften Hand, die die Feder führt, hat mir ChatGPT als Beispiel für ein Titelbild vorgeschlagen. Ich habe es vorsichtshalber abfotografiert und mit dem neuen EU-AI-Logo als KI-generiert gekennzeichnet. Ich fand das Bild auf unfreiwillige Weise so passend zu einem Aspekt, der eigentlich gar nicht mein hauptsächlicher Gedankengang gewesen war. Authentische Fotos von damals gibt es fast gar keine, und auch das macht ja die Nostalgie aus, dass unfotografierte Momente verblassen und verklärter Erinnerung weichen.
Als zusätzlichen Authentizitätsbeweis zeige ich hier stattdessen ein Foto meiner ursprünglichen, mit Bleistift auf Papier gekritzelten Notizen und einem ersten Entwurf dieses Artikels nach Abtippen in den Computer. Nicht alle meiner Blogbeiträge beginnen so, manche auch im Kopf oder gleich an der Tatstatur, mal auf deutsch, mal auf Englisch und oft auch gemischt, so wie dieser.

