
Was ist Postcrossing?
Postcrossing ist eine kostenlose gemeinnützig Web-Plattform auf Spendenbasis, die Menschen aus aller Welt verbindet und potenzielle Sender und Adressaten per Zufall zusammenbringt. Onlineprofile verraten Vorlieben, Hobbys und was gar nicht geht. Bei manchen stehen lange Listen, einigen scheint es egal, aufgeschlossen und freuen sich über alles, was in ihrem Briefkasten landet.
Postcrossing kann versandte Karten protokollieren und Collages und Diashows der gesendeten, empfangenen und als Favoriten markierten Karten als Archiv und Inspiration zusammenstellen, natürlich nur von den Vorderseiten. Die Rückseiten, Namen, Adressen und persönliche Nachrichten bleiben stets geheim.
Postcrossing kann uns dazu inspirieren, Kontakte zu knüpfen und die Freude am weltweiten Versenden und Empfangen echter wiederzuentdecken. Klingt ein wenig irrelevant, aber schön, umso mehr in einer Welt in der unser alltägliches Leben so sehr von digitalen sozialen Medien beeinflusst ist, die wiederum von KI und Algorithmen kontrolliert werden. Handgeschriebene Postkarten mit Poststempeln die den Weg rund um die dokumentieren und von einem echten Menschen zugestellt wurden, atmen vielleicht sogar noch ein wenig die Düfte ihrer Reise vom Zimmer des Verfassers und von allen Stationen ihrer langen Reise.
Was Menschen an Postkarten lieben
Ich habe in verschiedenen Städten gelebt und wurde inspiriert von Menschen, denen ich auf Reisen und bei privaten und geschäftlichen Aktivitäten offline und online begegnet bin. Als Webentwickler kommuniziere ich viel digital. Aber Papier kann ich in der Hand halten, anfassen und daran riechen, und es existiert auch ohne elektrische Geräte. Wir können mit farbenfrohen Stiften schreiben und malen, individuelle Handschriften entziffern und internationale Alphabete lesen lernen. Manche Postcrosser liebe diese Authentizität und Vielfalt so sehr, dass sie um Texte in der Muttersprache der Absender bitten.
Jede Karte ist wie ein Fragment einer größeren Geschichte, ein Einblick in ein anderes Leben, auf Hobbys, Arbeit und Alltag einer anderen Welt. Wie viele kleine Bücher, die alle von echten Menschen handeln. Aber dieses kleine Fragment ist auch schon alles. Es braucht nicht viel, um eine Karte auszusuchen, zu beschriften und zu verschicken, um ein solches Fragment mit einem anderen Menschen zu teilen. Du kannst auch freundliche Grüße, Wünsche und gute Nachrichten verschicken und so ein bisschen mehr Freude auf der Welt verteilen.
Viele Postkarten sind schöne kleine Kunstwerke, Collagen, Zeichnungen, zeitgenössische oder historische Fotografie.
Pro und Contra: Gründe dagegen
Ich kann mir mehrere Gründe vorstellen, nicht mitzumachen. Vielleicht interessieren dich Postkarten einfach nicht. Vielleicht sorgst du dich aber auch um deine Sicherheit, hast Angst vor Enttäuschung oder dass du keine passenden schönen Postkarten findest, mit denen du jemandem eine Freude machen oder eine kleine Inspiration schicken kannst. Vielleicht hast du nicht genug Geld oder keine permanente Postanschrift. Meiner Erfahrung zufolge sind es vor allem drei mögliche Gründe, die gegen Postkartenaustausch und Brieffreundschaften sprechen.
Wie kann ich ohne feste Postanschrift Postkarten empfangen?
Die meisten Menschen brauchen ohnenhin aus beruflichen oder rechtlichen Gründen eine Postanschrift. Ohne entsprechenden Wohnsitz gibt es vielleicht einen Freund, eine Freundin, ein Postfach oder eine c/o-Adresse am Arbeitplatz oder im Coworking-Space.
Mögliche Gefahren und wie du Postcrossing sicher verwendest
Was wäre das schlimmste, was dabei passieren könnte? Die Plattform scheint ihre strengen Richtlinien jedenfalls erfolgreich durchzusetzen. Ich habe bisher noch keiine Bilder der Textseiten von Postkareten gesehen. Postanschriften werden nur den vorgesehenen Absendern gezeigt. Es gibt kein offizielles öffentliches Adressbuch, und neue Mitglieder sehen zu jedem Zeitpunkt höchstens fünf andere Adressen. Trotzdem kann sich jeder auf der Plattform anmelden, und Server können gehackt werden. Alias-Postfächer, Freunde und Arbeitsadressen wären Alternativen zur Veröffentlichung der eigenen Privatanschrift.
Alias, Spitznamen, Postfächer und Community-Richtlinien
Viel verwenden Spitznamen oder Abkürzungen, eindeutig genug, damit Karten ihr Ziel erreichen, aber ohne unnötig viele persönliche Details zu verraten.
Es gibt Länder und Situationen, wo Menschen überwacht werden und Post geöffnet wird. Verdächtige Aktivitäten können die Karriere gefährden oder Druck und Strafverfolgung veranlassen, wenn jemand verbotenes Material wie LGBTQ+ Inhalte oder regierungskritische Post erhält. Postcrossings Richtlinien untersagen politische und religiöse Propaganda und Hassrede. Üblicherweise versuchen Postcrossing-Mitglieder sich zudem an die ausdrücklichen Vorlieben zu halten und verschicken normalerweise keine aufwieglerischen Kunstwerke oder radikale Texte. Aber man kann natürlich nie wissen. Allerdings ist das kein spezielles Postcrossing-Problem, sondern gilt für jegliche internationale Post, sowohl auf Papier als auch auf digitalen Kanälen. Menschen in autoritären Staaten oder stark überwachten Umgebungen kennen das Risiko leider schon.
Können Postkarten enttäuschen?
Enttäuschung und verletzte Gefühle sind hier ein unterschätztes, aber sehr viel wahrscheinlicheres Risiko. Gerade nach vielen schönen Erfahrungen und Empfehlungen erwarten wir oder verlassen uns gar darauf, immer wieder aufs neue positiv überrascht zu werden. Doch es gibt auch unangenehme Überraschungen, manchmal auch gut gemeinte. Ein schönes Postkartenmotiv könnte traurige Erinnerungen an einen geliebten Menschen oder Ort hervorrufen. Witzig gemeintes kann übergriffig ankommen.
Als Absender könnten wir wiederum an überambitionierten Ansprüchen scheitern, wenn wir alles zu gut machen wollen und jedem Empfänger einen individuellen Text auf die perfekte Wunschpostkarte schreiben. Vergessen wir nie, dass wir hier nicht an enge Freunde oder Familie schreiben und dass es doch nur ein Hobby ist.
Pro und Contra: Warum Postcrossing cool ist
Einfache und eingeschränkte Intimität
Die Standardeinstellungen machen den Einstieg leicht und haben verschiedene Vorteile.
Kontakte sind einfach hergestellt und bleiben beschränkt. Wer schreiben und lesen kann, darf mitmachen.
Schlechte Motiv- und Wortwahl tun nicht allzu weh, weil wir wissen, dass es immer nur einen von vielen Zufallskontakten betrifft und die meisten sind entweder nett oder sogar angenehm überraschend.
Wenn du unbedingt eine bleibende Verbindung jenseits der einen einmal-im-Leben-Postkarte herstellen willst, besteht später online die Möglichkeit. Außerdem kannst du das in deinem Postcrossing-Profil vermerken und selbst deine Absenderadresse angeben, um bei gegenseitigem Interesse langfristige Brieffreundschaften einzugehen.
Kleine Geschichten erzählen
Auch deine eigene Umgebung siehst du vielleicht plötzlich mit anderen Augen, auch wenn du nicht an einem besonderen Ort voller Kunsthandwerksboutiquen oder Underground-Künstlerateliers lebst.
Stell dir vor, du bekommst eine Postkarte von einem wunderschönen See in Japan und ziehst im Gegenzug einen Empfänger in Taiwan, der gerne strickt und zeichnet, inspiriert von einer berühmten Comicfigur, von der du noch nie twas gehört hast. Seine Liebslingsfarbe sei, sagen wir mal, blaugrün und die Person liebt Bilder historischer Regenschirme. Wenn du später spazieren gehst, fällt dir vielleicht zum ersten Mal ein Fachgeschäft für Regenschirme auf und das einer deiner Nachbarn ein blaugrünes Fahrrad fährt. Du fragst dich, was historische Schirme von modernen unterscheidet und erinnerst dich auf einmal an ein Foto des Schauspielers Charlie Chaplin, wo er mit einem Regenschirm tanzent posiert.

Obwohl meine digitale Postkartenwand aktuell weniger als vierzig versandte und weitere an die vierzig empfangene Postkarten zeigt, erscheint mir das schon erstaunlich viel. Manche Menschen haben aber mehrere tausende Postkarten verschickt und bekommen. Das muss nicht unbedingt nerdy sein, sondern open-minded! Besonders, wenn sie aus einem bestimmten Grund keine Weltreise machen können sondern viel Arbeit und wenig Geld haben oder kranke oder alte Angehörige pflegen müssen. Karten auszusuchen und zu schreiben ist kreativ, und jede Karte im Briefkasten ist wie der Klappentext eines weiteren neuen Buches. Das regt die Fantasie viel mehr an als Fernsehen oder Streaming-Serien.
Wenn ich dich jetzt neugierig gemacht habe, lass dich inspirieren und probiere es selbst mal aus!
