Philosophischer Tiefgang geht auch ohne schwülstige Prosa und Programmkinoklischees. Philip K. Dick verstand es, fantastische Ideen und erzählerische Dynamik auf unterhaltsame Weise zu verbinden. Verfilmungen seiner dystopischen Stories, Total Recall und Minority Report formten popkulturelle Narrative über Überwachung und Gedächtnis und erreichten Millionen von Zuschauern weltweit. Ein Gegenbeispiel ist der Programmkinofilm Stiller (I am not Stiller!) nach dem gleichnamigen Roman, den Max Frisch 1954 veröffentlichte, zwölf Jahre vor Dicks Kurzgeschichte „Erinnerungen en Gros“, die  Hollywood 1990 als „Total Recall“ adaptierte.

Arnold Schwarzenegger and Sharon Stone in the film Total Recall
Total Recall: Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone

Ein Plädoyer für alternative Indie-Kino-Adaptionen

Beide Geschichten stellen Identität und Realität infrage, aber während Dick Existentialphilosophie in Kurzgeschichten verdichtet, lässt Frisch seinen Protagonisten ausschweifend ausgedachte Abenteuergeschichten voller veralteter Amerika-Klischees fabulieren, voller Details aber offensichtlich ohne sinnvollen Beitrag zur eigentlichen Geschichte. Würden wir die Szenerie tauschen, läse ich immer noch lieber Philip K. Dick als Max Frisch, der als Autor von Biedermann und die Brandstifter selbstverständlich verdienterweise berühmt wurde. Aber Stiller sähe ich lieber als Marsianer in einer kitschigen Weltraumoper, und eine gemächliche Mid-Century-Schwarzweißversion von Total Recall könnte Dicks subversive Mehrdeutigkeit aus unerwartet neuer Perspektive beleuchten. Aber das wäre natürlich zu nischig für das aktuelle Programmkino, und genau das ist eines der vielen Probleme des zeitgenössischen Kinos.

Welche Probleme hat das zeitgenössische Kino?

Book cover of Agnès Varda holding a camera
Biografie von Agnès Varda

Das Kino ist nicht wegen Videokassetten und Satellitenfernsehen ausgestorben. Das ist Kino ist auch durch Netflix nicht gestorben. Es gibt immer noch viele Kinos, von unabhängigen kleinen Insidertipps bis hin zu festlichen Sälen mit Riesenleinwänden, und die zeigen jedes Jahr viele neue Film, darunter auch eine Menge ambitionierter Arthouse-Produktionen. Dennoch enttäuschen Filme wie After the Hunt, Babygirl, oder Was Marielle weiß angesichts des Lobs und entsprechend hoher Erwartungen, und ich verstehe nicht wirklich, warum. Erst recht nicht, nachdem Generationen ambitionierter und experimentierfreudiger Filmemacher:innen wie Agnès Varda regelmäßig in Sondervorführungen und retrospektiven Lehrbüchern wieder auftauchen, während die moderne Filmindustrie in einer Sackgasse der Kinokassen-Marketinglogik gefangen scheint.

Verpasste Chancen für modernes Coming-of-Age-Kino

Was Marielle weiß erschien zunächst als vielversprechende Entdeckung im Programmheft des letztjährigen Berlinale-Filmfestivals. Nicht zu verwechseln mit dem 2012er Drama Das Glück der großen Dinge mit Julianne Moore, das auf Englisch  Was Maisie wusste heißt, genau wie seine literarische Vorlage von Henry James aus dem Jahre 1897. Beide Filme haben nicht nur ähnliche Titel sondern bauen beide auf der Geschichte eines Mädchens, das die Konflikte ihrer selbstsüchtigen Eltern miterleben muss. Den Film über Marielle habe ich aus mehreren verschiedenen Gründen enttäuscht und etwas verstört vorzeitig verlassen.

Warum geht es hier genau? Die einzige Tochter eines kleinbürgerlichen deutschen Ehepaares entwickelt im Jugendalter hellseherische Fähigkeiten und deckt so unfreiwillig die Lügen iher Midlife-Crisis-Eltern auf. Wer selbst Kinder hat und Hellsehen nicht wörtlich versteht, dem mag das bekannt vorkommen. Geplagt von unerwünschten Einblicken in das Intimleben ihrer Eltern, hätte dies eine brillante Geschichte über Teenagerprobleme werden können. Jedoch ist es eher eine verstörende Dystopie, die um egozentrische und selbstmitleidige Erwachsene und ihre First-World-Probleme kreist, und genau das ist auch das Problem von After the Hunt und Babygirl. Schlimmer noch, Was Marielle weiß wirkt wie ein uninspiriertes deutsches Fernsehdrama, das die künstlerischen Möglichkeiten der großen Leinwand verschwendet, die es auch ohne großes Budget gegeben hätte.

After the Hunt und Babygirl ist mit bekannten Hollywood-Schauspieler:innen besetzt und ich frage mich ob hier ein Versuch scheiterte, moderne, authentische und spannende Filme zu drehen oder ob es eben Absicht war, genau das nicht zu tun. Abgesehen von der langweiligen visuellen Inszenierung zeigt die angeblich vieldeutige und komplexe Geschichte von After the Hunt dazu, Maggie (Ayo Edebiri), die einzige schwarze Hauptfigur des Films, tendeziell als böswillige Karrieristin, während sich der Blick ansonsten auf die etablierten weiße Professorin in ihrer Rolle als Opfer und Täter konzentriert. Es gibt schlechtere Filme, aber wie können Filmemacher bloß das Potenzial der besseren so furchtbar verschwenden? Und wo kann ich inspirierende Alternativen ansehen?

Wo kann das normale Publikum inspirierende neue Filme entdecken?

Wie können wir als normale Zuschauer und Gelegenheitsleser:innen Inspiration entdecken ohne uns in nerdigem Nischenwissen zu verzetteln? Wenn ich mir das Programmheft eines Filmfestivals wie der Berlinale ansehe habe ich Probleme nur aufgrund der Beschreibung Filme auszuwählen. Ich bin kein professioneller Filmkritiker mit viel Zeit und Geld. Ich könnte mir random Vorführungen ansehen, für die es zufällig noch Tickets gibt oder abwarten, was die Mainstream-Verleiher und Programmkinos nach dem Festival in ihr Kinoprogramm aufnehmen. Überraschungserfolge wie Poor Things beweisen dass das zumindest manchmal funktioniert.

queer film special announcement in printed magazines
Filmmagazine

Ansonsten kann ich Kino-Nachrichten abonnieren und muss bereit sein, quer durch die Stadt oder das Land zu reisen, wenn ich nicht gerade in Berlin oder in einer Universitätsstadt lebe. Dann gilt es schnell zu sein und einen frühen Nachmittag ganz den filmischen Ambitionen zu widmen, da ungewöhnliches Material oft nur um zwei Uhr nachmittags in einem abgelegenen Vorort gezeigt wird, während sich das Abendprogramm der Programmkinos auf eine Handvoll Filme konzentriert, die den gängigen Klischees und Erwartungen entsprechen.

Sex and the Cinema

Es ist also schon eine Weile her, dass ich zuletzt über Filme schrieb, aber gelegentlich gibt es willkommene Ausnahmen von meinem Dilemma. Anora wurde geliebt und gelobt, und ich fand es zwar albern und klischeehaft, aber trotzdem unterhaltsam anzusehen. Anora zeigt das oft verschwiegene Privatleben einer Sexarbeiterin und Brooklyns „Little Odessa“ am Brighton Beach. In vielen Kinos gibt es regelmäßige Sondervorstellungen wie die queere  „MonGay“-Reihe oder Experimentalfilmfestivals. Kostenlose Kinomagazine und Newsletters kündigen solche Serien üblicherweise weit im voraus an. Kunstsinnige sollten sich auch jenseits traditioneller Kinos umsehen, wie bei der Pictoplasma-Konferenz, einer Fachveranstaltung für Character-getriebene Kreativität, die ihre Animationsfilme aber auch einer breiten Öffentlichkeit vorführt mit Eintritt auf Spendenbasis. Solche visuellen Arbeiten erreichen die Kinoszene nur selten .

Verpasste Indie-Filme per Streaming ansehen

Streaming und DVD-Videos sind weitere Möglichkeiten, visuelle Kunst und Geschichten jenseits des Mainstreams zu entdecken und dabei zu versuchen, überbewertete Filme mit Pseudo-Tiefgang herauszufiltern, nach unabhängigen Communities und Filmproduzenten zu suchen oder die Online-Filmstreaming-Angebote öffentlicher Bibliotheken zu nutzen. Dort ist nicht selten ungewöhnliches Material enthalten, das im regulären Programm selten zu sehen ist.

Weitere Indie-Film-Rezensionen und Empfehlungen

Berlinale 75 postcard Das Tiefste Blau (o último azul, The Blue Trail) film poster
Filmposter

Ein weiterer guter Independent-Film, der es vom Filmfestival zumindest in ausgewählte Programmkinos schaffte, ist  Das tiefste Blau (The Blue Trail). Gabriel Mascaros Film folgt einer berufstätigen Mutter, die sich weigert in Frührente zu gehen und dadurch als Rebellin flüchten muss. Die Satire auf eine neoliberale Überwachungsgesellschaft feiert Leben und Struggle komischer Charaktere die am Ufer des Amazonas leben und arbeiten. Der Filmtitel, im Original o último azul, bezieht sich auf den blauen Schlangenschleim, der angeblich die Pforten psychedelischer Wahrnehmung öffnet und Menschen hellseherische Fähigkeiten verleiht, wenn sie es wagen einen Tropfen davon in ihr Auge zu tropfen.

Ebenso fern von ausgetretenen Storytelling-Pfaden, aber inmitten von England, erzählt Andrea Arnold in ihrem Film Bird die Geschichte der zwölfjährigen, Vogel genannten, Bailey und ihrem Vater Bug (Käfer) die das beste aus ihren prekären Lebensbedingungen machen. Modernes Märchen, Sozialsstudie und eine Sammlung kleiner Momente, die das Mädchen mit ihrer Smartphone-Kamera festhält, und Outtakes mit Laiendarstellern der Nebenrollen zum beschwingten Soundtrack „Is it too real for you?“ Als Coming-of-Age-Fabel beschrieben, die Kampfgeist und Resilienz der jungen Protagonistin authentisch und mit magischem Realismus einfängt, hat der so beschriebene Film sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient als die Kinos ihm (nicht) gewährten.

Relevante Filme ohne Gewaltdarstellung

Es gibt viele wichtige Filme, die ich dennoch nicht jedem empfehlen würde, eigentlich nur hartgesottenen Aktivist:innen oder jenen, die eines brutalen Weckrufs bedürfen, der an weltweite Krisen und ihre Opfer erinnert. Aber dann schau dir lieber einen entsprechenden Dokumentarfilm an oder semifiktionale Filme über Krieg und Flucht, als die unzähligen fiktiven Krimis und Historienfilme mit reißerischen Schockeffekten und Horrorszenen wie in Agnieszka Hollands Franz K., einem der zahlreichen Arthouse-Filme über Franz Kafka. Ein zeitgenössischer Kritiker nannte Kafka damals einen „Lüstling des Entsetzens“ und das wäre vielen heutigen Autoren und Filmemachern wohl auch vorzuwerfen. Diesen Film sollte sich niemand ansehen, der nicht schon von zu viel Krimi und Horror verdorben wurde.

Wie filtert man Filme heraus, die Horror und Gewalt zeigen?

Filme mit verstörenden Gewalt- oder Horrorszenen sind oft nur in den wenig offensichtlichen Beschreibungsdetails der Kino-Apps gekennzeichnet. Obwohl die Triggerwarnungen gut versteckt sind, versicherte mir das Kinopersonal, dass es sie bei genauerem Hinsehen durchaus gibt. Schließlich gibt es ja viele gute und relevante Filme, die ohne Gewaltdarstellung auskommen und auf solche möchte ich mich beschränken, falls ich jemals wieder genug Material für einen weiteren Artikel über Filme zusammenkriege. Ehrlich gesagt lese ich in absehbarer Zukunft lieber ein Buch, als einen weiteren enttäuschenden Kinobesuch zu riskieren.

Filmtips und Filmwarnungen

Lasst uns mal sehen, von welchen Filmen hier die Rede war und wie ich sie bewerten würde:

  • Bird (2024) ⭐⭐⭐⭐⭐
  • Das tiefste Blau (2025) ⭐⭐⭐⭐
  • Anora (2024) ⭐⭐⭐⭐
  • Total Recall (1990) ⭐⭐⭐
  • Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (2023) ⭐⭐⭐
  • Der Fremde (2025) ⭐
  • Stiller (2025)  *
  • Das Glück der großen Dinge (2012) *
  • After the Hunt (2025) 👎👎👎
  • Babygirl (2024) 👎👎👎
  • Was Marielle weiß (2025) 👎👎👎👎
  • Franz K. (2025) 👎👎👎👎👎

(*) Das Glück der großen Dinge habe ich (noch) nicht gesehen und die Verfilmung von Stiller auch nicht, aber ich habe versucht, das Buch zu lesen. Das, der Trailer und bisherige Kritiken lassen mich vermuten, dass mein Daumen im Ranking wohl nach unten zeigen würde.

Was hat Der Fremde einem modernen Publikum zu sagen?

Ingeborg Bachmann and Max Frisch - Into the Desert - official film poster (German) via Wikimedia
In die Wüste: Vicky Krieps als Ingeborg Bachmann und Ronald Zehrfeld als Max Frisch

Wer sich für den Autor Max Frisch interessiert, sollte unbedingt Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste und ihn somit mit den Augen seiner Partnerin sehen. Die Bachmannsche Wüstenreise mit ihrem Liebhaber Adam Opel mag manchen ähnlich langweilig erscheinen wie Stillers Geschwafel, aber hier hatte jemand wenigstens Anspruch an Kostüme, Beleuchtung und Kamera, was im Übrigen als einziger Grund zählt, den Film Der Fremde von Francois Ozon zu sehen, ein ansonsten affektierter Schwarzweißfilm, der zu sehr an seiner literarischen Vorlage festhält um heutzutage noch viel zu bedeuten.

Der einzige Grund, warum Stiller und Der Fremde keine Cancel-Culture-Shitstürme auslösten kann eigentlich nur darin bestehen, dass alle Filmkritiker aus lauter Langeweile schon eingeschlafen waren, bevor ihnen klar werden kannte, dass hier etwas nicht stimmt und wir das Jahr 2026 und nicht 1956 schreiben. Wahrscheinlich sind Schriftsteller wie Albert Camus und Max Frisch immer noch die Lektüre wert, aber das gilt auch für andere, weniger offensichtliche die nicht auf jeder Literaturliste stehen und von Filmproduzenten als sichere Sache angesehen werden, wenn wieder mal ein Biopic oder eine Literaturverfilmung gefragt ist.

Experten bestehen darauf, dass Stiller nicht als Kurzgeschichte funktionieren würde und dass die langwierigen Details essenziell zum Roman gehören. Das sehe ich anders. Filme wie After the Hunt oder was Marielle weiß hatten Potenzial und das gilt auch für Stiller. Aber der Roman klingt so alt wie er ist und die Message geht im unerträglichen Geschwafel des unsympathischen Protagonisten unter.

Einladung an Mr. White, sich neuen Erzählungen zu öffnen

„Das Buch unserer Zeit“ ist Stiller genausowenig wie die überschätzten Filmstoffe. Doch das wehleidige Selbstmitleid blasierter weißer Absteiger passt leider nur zu gut zum Gejammer der Journalisten und Stammtischgäste. Als „Mr. White“ neu erfunden wird diese Persönlichkeit zwar kein bisschen klischeebefreiter aber immerhin kritikfähig sobald sie sich selbst und ihre Kultur mit den Augen anderer betrachtet. Anstatt immer wieder die gleichen Klischees zu wiederholen, sollte sich auch die FIlmindustrie besser mal nach neuen Narrativen und Stoffen umsehen und diese entsprechend promoten, schließlich gibt es auf der Welt ausreichend Auswahl.

Clashing Differences, Augure, and Medusa Deluxe sind Filme, die leider wenig Beachtung fanden, dabei hätte zumindest Medusas Britischer Slang im Frisuersalon story is als frecher, witziger und stilvoller Indie-Film Potenzial für ein größeres Publikum. Baloji’s Augure habe ich übrigens immer noch nicht gesehen. So gesehen bin ich wohl auch noch „Mr. White“ und sage mir selbst, dass ich daran arbeite.