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Dystopien und fantastische Literatur als Gesellschaftskritik

Dystopie ist die neue Utopie. Ob Jugendbuch, Science-Fiction oder Near Fiction, es werden düstere Welten entworfen, die Faszination und Grauen auslösen. Bei aller enthaltenen Gesellschaftskritik bleibt es Unterhaltung, nach deren Konsum man sich freuen kann, dass die Realität ja bei weitem nicht so schlimm aussieht wie die düstere Zukunftsvision.

Aktuelle Beispiele sind die populären Kinofilme Tribute von Panem, In Time oder die jüngst verfilmte Jugendbuchreihe Divergent (Die Bestimmung).

Wer sich Zeit zum lesen nimmt, findet weitere interessante Jugend- bzw. All-Age- sowie Erwachsenenliteratur zum Thema.
Der Roman Drohnenland von Tom Hillenbrandt ist ein Near-Future-Krimi mit vielfältigen Seitenhieben auf die moderne Technik aber auch auf die politische Entwicklung Europas und dessen Bedrohung durch Cyberkriminalität, Klimawandel, Bürokratie und Geldgier.
Die österreichische Autorin Ursula Poznanski begeistert mit intelligenten Krimis und Jugendbüchern, u.a. mit den Jugenbüchern Layers, Erebos und der dystopischen Science-Fiction-Trilogie Die Verratenen / Die Vernichteten. In eine ähnliche Richtung bewegt sich die vielbereiste Jugendbuchautorin Teri Terry, die in ihrer Trilogie eine gar nicht mal allzu unrealistische Zukunft des britischen Königreichs entwirft.

The Circle von Dave Eggers ist eine Satire auf die besitzergreifende Macht der Sharing Economy, deren Streben nach einer digitalen Utopie mehr und mehr totalitäre Züge annimmt.

Zu den älteren Science-Ficiton-Klassikern,, die kaum an Aktualität eingebüßt haben, zählt unter anderem der mehrfach verfilmte surrealistische Roman Solaris des polnischen Autors Stanislaw Lem.

Solaris: Standislaw Lem, Andrej Tarkowskij und Steven Spielberg:

Lem's Solaris in der russischen Verfilmung (Солярис) von Andrej Tarkovskij (Андрей Тарковский)

Stanislaw Lem (1921-2006): Solaris – Die Neuausgabe des nunmehr zweifach verfilmten Romans Solaris des Autors und Satirikers Stanislaw Lem beginnt mit einem Vorwort von Ursula K. Le Guin (Der Winterplanet / Die linke Hand der Dunkelheit, 1969), die 1973 aus Solidarität mit Lem auf den Nebula Award verzichtete, nachdem ihm die Ehrenmitgliedschaft bei den Science Fiction Writers of America aberkannt worden war. In den USA erschien der Roman Solaris auch erst 1970, neun Jahre nach der polnischen Erstveröffentlichung. Solaris ist eine seltsame Geschichte über Menschen auf einer Raumstation die um einen Planeten kreist, dessen gigantischer Ozean ein Bewusstsein hat, das sich den Wissenschaftlern aber nicht wirklich erschließen mag. Die Odyssee im Weltraum wird auch hier zu einer Reise in die eigene Vergangenheit … Obwohl ein guter Freund von mir die neue Spielberg-Verfilmung mit Clooney ganz toll fand, kann ich doch allen nur empfehlen, sich Tarkowski’s russischen Film aus den Siebzigern anzusehen. Er ist ein bisschen langatmig, bringt die schräge Atmosphäre wunderbar rüber und ist teilweise auch lustig. Das Buch sollte man natürlich trotzdem lesen! Stanislaw Lem war Arzt, Automechaniker, Intellektueller und Autor zahlreicher phantastischer Romane. Er stand der heutigen Technikverliebtheit immer kritisch gegenüber. Im März 2006 starb er nach langer Krankheit in Krakau.

Klassiker der Science-Fiction Literatur

Philip K. Dick (1928-1982) hat im Laufe seines Lebens die verschiedensten fantastischen Geschichten geschrieben, manche spannend, manche nachdenklich, und Heyne hat im Rahmen seiner SF-Neuauflagen eine Anthologie mit dem Titel Der unmögliche Planet zusammengestellt, darin Total Recall (Erinnerungen en gros – Original: We Can Remember It For You Wholesale, 1966) und Minority Report, die ja auch aus dem Kino bekannt sind.

Auch John Brunner zählt zu Recht zu den hoch geschätzten Klassikern der Science-Fiction-Literatur.
Seine Themen Cyberspace (Der Schockwellenreiter / The Shockwave Rider), Öko-Katastrophe (Schafe blicken auf / The Sheep Look Up) und die epische Erzählung Die Gussform der Zeit (The Crucible of Time) faszinieren auch über zwanzig Jahre nachdem sie geschrieben wurden.

Jack Vance’s Krieg der Gehirne (Original: Nopalgarth) ist nicht nur ein weiteres Beispiel für bescheuerte Titel deutscher Übersetzungen, sondern auch eine nette kleine (SF) Geschichte über den scheinbar oder tatsächlich befreiten Geist. Bei Bastei Lübbe erschienen im Doppelband mit Kriegssprachen (Original: The Languages of Pao), einer etwas schwächeren aber auch lesenswerten Geschichte. Beide übrigens fast 50 Jahre alt.

David Brin: Der Übungseffekt (Original: The Practise Effect), Erde (Original: Earth, 1990)
David Brin ist sowohl als Wissenschaftler wie als Science-Fiction-Autor geachtet und mit Preisen ausgezeichnet, und das zu Recht. Er kann in der selben Geschichte glaubwürdige Schilderungen mit äußerst unglaublichen Entwicklungen der Story verbinden, und so dramatisch und bedrohlich alles zwischendurch ist, stimmt es wirklich dass der Mann seinen Optimismus in seinen Romanen zum Ausruck bringt. Sonnentaucher (Sundiver, 1980, auf Deutsch erst 1995 erschienen) ist machmal konfus, manchmal witzig und voller überraschender Wendungen wie in einem Krimi.

Dune - der Wüstenplanet

Der Wüstenplanet (Dune, 1965) von Frank Herbert zählt zu den bekanntesten SF Werken und ist auf unterschiedlichste Weise verfilmt worden, diverse Spin-Offs wurden veröffentlicht (ich habe sie nicht gelesen, mir wurde sogar davon abgeraten). Die Bewohner des Wüstenplaneten Arrakis haben erstaunlich viel mit den Touareg gemeinsam und manchmal scheint es einem, als lese man eine Dokumentation über eine spezielle islamische Bruderschaft die sich in die Wüste zurückgezogen haben. Allerdings hat man von diesen krassen Sandwürmern auf unserer Erde noch nicht gehört, wohl aber von ähnlichen adligen und politischen Intrigen wie sie zwischen den herrschenden Häusern der Planeten ausgefochten werden. Die Geschichte des Wüstenplaneten hat etwas angenehm altertümliches, fast schon märchenhaftes an sich. Der Roman kommt im Original am Besten, die deutsche Übersetzung von Ronald Hahn ist gelegentlich recht eigenwillig.

Rebell(inn)en im Cyberspace: Piercy, Noon und Stephenson:

Marge Piercy: Er, Sie und Es (Original: He, She and It)
Dieses ungewöhnliche Buch ist nicht nur „eine verblüffende Kombination aus Cyberpunk und jüdischer Kultur“ (Wolfgang Tress), sondern vor allem ein Buch das seine Fans auch außerhalb der technikverliebten SciFi-Szene gefunden hat. Garniert durch Rückblicke ins historische Prag, wo die alte Legende des Golem lebendig wird, ist dieser Roman ein sehr vielseitiges Lesevergnügen. Piercy gelingt es, in einer grotesken düsteren Zukunftsvision eine kleine Utopie aufleben zu lassen.

Pollen vom Science-Fiction Beatnik Jeff Noon

Jeff Noon hat einige sehr abgedrehte Bücher geschrieben. Seine Form des Cyberspace ist eher Beat-Literatur als Science Fiction. Die handelnden Personen und Wesen saugen an speziellen Federn um in den Vurt zu gelangen, der seinerseits mehr Einfluss auf die (nicht) normale, reale Welt nehmen möchte. Das ganze spielt in einem zukünftigen Manchester, dessen seltsame Bewohner (u.a. Hundemenschen und Halbtote) bestimmt auch eine Parodie auf die Welt des 20. Jahrhunderts darstellen sollen. Der erste Band, Vurt (1993), trägt auf Deutsch den nichtssagenden Titel Gelb, die Fortsetzung heißt Pollen (1995).

Neal Stephenson: Snow Crash (1993)
Stephensons Vision des Cyberspace, des dreidimensionalen Internet, hat so manchen Programmierer inspiriert; heutige LeserInnen werden sich vielleicht mehr an den geistreichen Anspielungen auf die Religionen und Kulturen seit Babylonischen Zeiten erfreuen und an dem schnellen, umgangssprachlichen Ton, in dem diese wilde Geschichte erzählt wird, die ursprünglich als Comic-Album geplant war. Die Helden Hiro Protagonist (wie der Name schon sagt) und Y.T., eine jugendliche Kurierfahrerin auf einem schwebenden Skateboard kämpfen gegen eine Weltverschwörung, die Religion, Computerviren und echte Viren zu ihren Werkzeugen zählt. Snow Crash ist eine dieser Stories die unter dem Deckmantel der Science Fiction viel über unsere Gegenwart verraten.